21.03.2003 (taz Sonderbeilage): Eine bedingungslose Kultur der Offenheit

Das Betriebssystem Linux erfährt eine rasante Entwicklung. Inzwischen arbeiten weltweit Millionen von Nutzern damit. Der entscheidende Vorteil von Linux ist, dass es frei und kostenlos verteilt, eingesetzt und erweitert werden kann Linux wurde 1991 von dem damals 21-jährigen Finnen Linus Torvalds entwickelt, der seinerzeit den für ein Betriebssystem elementaren Bestandteil, den so genannten Kernel fand. Seitdem wird das System von einer Vielzahl von Programmierern aus aller Welt weiterentwickelt. Linux wurde von Anfang an unter die GPL, die „General Public License“ gestellt. Diese Lizenz garantiert jedem den kostenlosen Zugang zum Quellcode des Linux-Betriebssystems. Linux ist also eine freie Software.
Nach der Definition von Richard M. Stallman, dem Präsidenten der „Free Software Foundation“, kann dann von freier Software gesprochen werden, wenn sie den Prinzipien der folgenden vier Freiheiten entspricht: 1. Die Freiheit, ein Programm für jeden Zweck einsetzen zu dürfen; 2. die Freiheit, zu untersuchen, wie ein Programm funktioniert, und es den eigenen Bedürfnissen anzupassen; 3. die Freiheit, Kopien für andere zu machen; 4. die Freiheit, das Programm zu verbessern und diese Verbesserungen zum allgemeinen Wohl zugänglich zu machen.
Linux kann also frei und kostenlos verteilt, eingesetzt und erweitert werden. Entwickler haben so Einblick in sämtliche Quellcodes und können dadurch sehr einfach neue Funktionen einbauen und Programmierfehler beseitigen. Auch Treiber für neue Hardware können dadurch sehr schnell integriert werden. Im Gegensatz dazu beruht der Geschäftserfolg der Firma Microsoft auf einem Paradigmenwechsel, den Bill Gates als Software-Produzent Mitte der Siebzigerjahre einleitete.
Seine Leistung als Unternehmer bestand darin, aus Software ein kommerzielles Produkt zu machen. Andererseits gäbe es das Unternehmen Microsoft in seiner heutigen Form wahrscheinlich gar nicht, wenn es bei seiner Gründung nicht auf Open-Source-Programme hätte zurückgreifen können. Microsoft liefert seine Produkte grundsätzlich nur als Binär-Code aus, der ausschließlich für den Computer lesbar ist. Aus den tausenden Einsen und Nullen zu rekonstruieren, wie das Programm funktioniert, dazu sind Programmierer nicht in der Lage. Ohne Quellcode gibt es aber auch keine Veränderung.
Eine Kultur der Geschlossenheit steht also einer Kultur der Offenheit in der freien Software gegenüber. Die riesigen Gewinne von Microsoft beruhen allein auf dem Kunstgriff, frei verbreitete Software zu einem handelbaren Produkt gemacht zu haben. Die meisten Computerbenutzer wissen heute gar nicht mehr, dass der größte Teil der Computerprogramme jahrzehntelang gratis war und dass es heute wieder solch eine Alternative gibt. Doch das ändert sich nun allmählich.
In Fachkreisen ist Linux schon lange ein Thema. Fast ein Dritttel aller weltweit benutzten Server laufen schon mit Linux als Betriebssystem. Das Marktforschungsinstitut Gartner Dataquest hat für das vierte Quartal 2002 über 80 Prozent mehr Umsatz mit Linux-Servern in den USA als im Jahr zuvor ermittelt, während der Gesamtumsatz mit Servern im gleichen Zeitraum nur um fünf Prozent stieg.
Doch auch für private Nutzer wird Linux zusehends attraktiv. „Wir haben Programme für 80 Prozent aller Computerbenutzer – Office Suiten, Präsentationsprogramme, Bildbearbeitung, Webbrowser. Linux auf dem Desktop ist unvermeidlich“, so Linux-Vater Torvalds auf der Internetseite des Desktop Linux Consortiums. Um Linux auf die Desktops zu bringen, haben sich einige Linux-Distributoren und Firmen in diesem Interessenverbund zusammengeschlossen.

Das gemeinsame Ziel des Desktop Linux Consortium ist es, die Verbraucher über das alternative Betriebssystem aufzuklären, damit es sich weiterverbreitet. Aber auch die Spielegemeinde, lange Jahre das Stiefkind der Linuxszene, wird immer mehr zum Ziel der freien Entwickler. Die WineX Software der Firma Transgaming Technologies bietet die Möglichkeit, fast alle Spiele für Microsoft auch auf Linux zu benutzen. Ein weiteres Argument für Linux auf dem Desktop. Der Zuspruch von privaten wie auch geschäftlichen Anwendern zu Linux steigt dementsprechend. Vor einem Monat packte das Computermagazin C’t ihrer Ausgabe eine von der Firma Knopper.net gelieferte Linuxversion namens Knoppix als bootfähige CD bei.

Die Resonanz erstaunte die Fachleute und veranlasste das Magazin, die Anleitung nachzuliefern, wie man die Test-CD zum vollwertigen Betriebssystem ausbauen kann. Der Spiegel kam derweil zu dem Schluss: „Die Zeiten, als Linux ,nur‘ ein System für Freaks war, sind längst vorbei – und immer mehr User, die sich versuchsweise darauf einlassen, stellen das voll Überraschung fest.“
Ein großes Projekt im Bereich Open-Source-Systeme hat in Deutschland unlängst die NorCom Information Technology AG erfolgreich abgeschlossen: Die Firma stellte die Netzwerk-Architektur der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau auf den SuSE Linux Openexchange Server 4 um. Nun beginnt die sukzessive Anbindung von rund 200 Außenstellen. Im Laufe des Jahres sollen so rund 5.000 User den Linux-Server nutzen.
ANDREAS GEBHARD