Ende der Schonzeit: 100 Tage im TeBe-Vorstand

Kinder wie die Zeit vergeht. Nun sind mehr als 100 Tage vergangen, seit ich Anfang August 2012 in den Vorstand von Tennis Borussia Berlin berufen wurde. Um eine Übersicht meiner Arbeit zu geben, schreibe ich dieses Posting und weiß aber, dass ich sicher einige Dinge vergessen werde – Ergänzungen und Fragen gern als Kommentar.

Kurz vor meiner Berufung in den Vorstand Ende Juli 2012 im Lila Salon im Rahmen der Saisoneröffnung mit Roland Weissbarth (2. Vorsitzender) und Andreas Voigt (1. Vorsitzender)

Sportliche Leistung

Sportlich ist die erste Mannschaft gut in die Saison gestartet und steht aktuell auf einem gesicherten Platz im Mittelfeld der Tabelle. Es sind nur wenige Punkte bis ganz an die Spitze und diese Punkte wurden leider in den letzten drei Spielen liegen gelassen. Mit mageren zwei Punkte aus diesen Partien haben wir den Sprung nach ganz oben verpasst. Auch die Leistungen, die wir gesehen haben waren nicht mehr so gut wie zwischenzeitlich. Die Saison ist aber noch lang (Pfrasenschwein) und jede Mannschaft kann die andere in dieser Liga schlagen. Völlig überraschend ist mit dem BSV Hürtürkel Berlin ein Aufsteiger an der Tabellenspitze, den wir am ersten Spieltag noch 2:1 besiegen konnten. Unsere beste Platzierung war der 2. und der schlechteste Platz 12. Mit etwas mehr Kontinuität können wir sicher oben noch mitspielen.

Arbeitsstrukturen

Schon nach einigen Wochen wurde mir sehr deutlich, was für eine schwierige Personalsituation wir im Vorstand von TeBe haben, denn ein Mitglied des Gremiums musste sein Amt aus persönlichen Gründen ruhen lassen und ein weiteres Mitglied musste seine Mitarbeit aus gesundheitlichen Gründen stark zurückfahren. Das führte dazu, dass wir an einigen Stellen sehr weit zurückgeworfen wurden, was zum Beispiel die Durchführung der aktuell anstehenden Mitgliederversammlung angeht. Diese wird nun am 12. Dezember 2012 im Casino des Mommsenstadions ab 18.00 Uhr durchgeführt. Die Einladungsschreiben an die über 500 Mitglieder gehen in den nächsten Tagen raus. Die Personaldecke ist also weiter dünn. Deshalb ist es um so wichtiger, dass die aktiven Fans, die den Verein schon in den letzten Jahren aufopferungsvoll unterstützt haben, noch weiter und noch mehr in die Arbeit des Vereins eingebunden werden. Hier gibt es viele positive Beispiele aus den letzten Wochen ohne die meine Arbeit sicher deutlich frustrierender gewesen wäre: So hat sich eine kleine Gruppe zum Thema Finanzen gebildet, die Richie Weissbarth in der Geschäftsstelle und mich unterstützen oder die AG Sponsoring rund um Steffen Lembke von der wir in den kommenden Wochen hoffentlich noch viel Positives hören werden.

Um diese kollaborative Arbeit auch technisch zu unterstützen, nutzen wir seit einigen Wochen die Arbeitsplattform Kolabor, mit der wir unsere Tätigkeiten koordinieren und dokumentieren. Ich denke, auch das war ein wichtiger und richtiger Schritt zur besseren Strukturierung der Arbeit. Mit den Vorstandkollegen treffe ich mich meist Montags in der Geschäftsstelle und auf den Treffen stehen immer viele Entscheidungen und Planungen an. Manchmal machen wir auch Telefonkonferenzen was es bisher bei Tennis Borussia nicht gab.

Finanzielle Spielräume schaffen

Als eine meiner dringlichsten Aufgaben sah und sehe ich den Aufbau einer mittelfristigen Finanzplanung an und das wird noch einige Wochen und Monate in Anspruch nehmen. Zur Erinnerung: der Verein ist Ende März 2012 aus der Insolvenz gekommen und startet ab da bei 0. Das heißt aber auch, dass wir durch den finanziellen Bankrott im Jahr 2010 sehr viel Porzellan zerschlagen haben. Wir brauchen einen langen Atem, um verloren gegangenes Vertrauen wieder aufzubauen und neue Partner und Sponsoren zu gewinnen. Wir warten leider weiter auf einen Brustsponsor und würden natürlich gern auch weitere kleinere Partner gewinnen. Für newthinking gehen wir hier schon mal einen kleinen Schritt mit und werden bei einem der nächsten Heimspiele eine eigene Bande von TeBe kaufen. Jede und jeder Unternehmer sollte sich auch fragen, ob er TeBe und die tolle Arbeit des Vereins und seiner Fans nicht auch unterstützen kann und mag. Hier ein Zitat aus der aktuellen Jungle World (mit der wir nun auch eine Anzeigenpartnerschaft haben):

Tennis Borussia Berlin

Verein: Den Nazis war TeBe ein Dorn im Auge, nicht zuletzt, weil Juden seinerzeit rund ein Drittel der Mitglieder stellten. Diese verließen den Verein nach der nationalsozialistischen Machtübernahme. In den fünfziger Jahren war TeBe vorübergehend der erfolgreichste Berliner Fußballclub, in den siebziger Jahren sogar zwei Jahre lang Bundesligist. Mit dem Showmaster Hans Rosenthal und dem Schlagerproduzenten Jack White hatte der Verein in den Jahren 1965 bis 1973 und 1992 bis 1997 jüdische Präsidenten – eine absolute Seltenheit im deutschen Nachkriegsfußball. Nach diversen Abstiegen ist der Club inzwischen nur noch sechstklassig, verfügt aber über eine sehr aktive linke Fanszene.

Fans: Vorbildliches Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Schwulenfeindlichkeit. Banner mit Parolen wie »Kein Mensch ist illegal« oder »Keinen Fußballbreit dem Rassismus« sowie Israel-Flaggen gehören bei jedem Spiel zum Standardrepertoire, weshalb sich der lila-weiße Anhang regelmäßig Anfeindungen von rechten Zuschauern anderer Vereine gegenübersieht. Die von TeBe-Fans initiierte Aktion »Fußballfans gegen Homophobie« wird vom Verein mittlerweile offiziell unterstützt. Mitte Oktober wurde im Rahmen eines Heimspiels im Mommsen-Stadion sogar eine Werbebande mit dem entsprechenden Slogan und zwei sich küssenden Fußballern eingeweiht. Dazu gab es noch eine kleine Choreographie der »Zero Ultras«, die ein Transparent zeigten: »Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?«

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Theodor W. Adorno

 

Noch ist die finanzielle Situation des Vereins sehr prekär. Wir können den laufenden Ausgaben nicht in gleicher Weise planbare Einnahmen entgegensetzen. Deshalb hat der Vorstand auf meinen Vorschlag hin eine neue Aktion gestartet, die dieser Tage beginnt:

111×111

Wir benötigen mehr regelmäßige Einnahmen und deshalb wollen wir die Mitglieder und Unterstützer des Vereins um Mithilfe bitten. Anlass für diese neuerliche Spendenaktion ist unser 111. Geburtstag im kommenden April. Bis dahin wollen wir 111 Unterstützer gewinnen, die den Verein monatlich mit 111,- Euro fördern. Sollte diese Maßnahme von Erfolg gekrönt sein, werden wir in der Zukunft ein finanzielles Polster geschaffen haben, mit dem wir in ruhigem Fahrwasser unterwegs sein können und auch den Blick weiter nach oben richten werden. Nicht nur in der Berlin Liga. Dafür ist jede Menge Überzeugungsarbeit notwendig. Auf der Mitgliederversammlung wollen wir möglichst schon einige Förderer vorstellen. Als erste haben Andreas Voigt und ich das Anmeldeformular ausgefüllt. Wir freuen uns über jede weitere Unterstützung. Mit der Einladung zur Mitgliederversammlung gehen die notwendigen Informationen auch allen Mitgliedern zu.

Noch einige Worte zur überstandenen Insolvenz. Seit dem wir als Verein wieder das Heft des Handelns in der Hand haben, hat sich gezeigt, dass wir auch jetzt noch an den Jahren der Insolvenz zu knabbern haben. Vor kurzen haben wir einen Termin mit unserem neuen Steuerbüro gemacht, welches mit uns zusammen nun nachträglich alte Jahresabschlüsse fertigstellen wird (die der Insolvenzverwalter nicht gemacht hat …), um insgesamt wieder 100% handlungsfähig zu werden.

Mal wieder ein Barcamp

Auch ein Barcamp gab es schon während meiner Amtszeit. Am 27. Oktober 2012 haben wir uns mit knapp 25 aktiven Mitglieder und Fans sowie dem Kreativkollektiv What would Harry do? in der Geschäftsstelle im Mommsenstadion getroffen, um an den Themen Außendarstellung, Finanzen und der Weiterentwicklung der Geschäftsstelle zu arbeiten. Schon am kommenden Samstag wird sich das Team zum Thema Außendarstellung wieder treffen, um an unserem Mission Statement weiter zu arbeiten. Einen grundsätzlichen Vorstandsbeschluss zur Umgestaltung der Geschäftsstelle gibt es auch schon. Die riesige Fläche in unserer Geschäftsstelle soll für mehr Funktionen nutzbar werden, so soll dort möglichst ab der Rückrunde der Lila Salon als ständige Einrichtung durchgeführt werden. Barcamps gab es ja auch schon zwei vorher!

Engere Verzahnung mit dem Jugendförderverein

Auch mit der erfolgreichen Jugendabteilung des Vereins haben wir uns als Vorstand in den letzten Wochen enger verzahnt. Das in der Vergangenheit nicht immer einfache Verhältnis zwischen dem Kernverein Tennis Borussia Berlin e. V. und dem Jugend Förderverein soll in der Zukunft weiter verbessert werden. Die erfolgreiche Zertifizierung des Jugendleistungszentrums konnte in meinen ersten 100 Tagen verkündet werden. Hier habe ich natürlich nicht mitwirken können, aber auch für die Zukunft steht hier Arbeit für uns an, denn nicht nur die Finanzen des Vereins müssen sich verbessern, auch eine klare Vision für die Zukunft – sowohl im sportlichen als auch im strukturellen – sind die Bedingung für eine bessere Einbindung von Jugendspielern in den Kader der ersten Mannschaft. Sportlich scheint die sechste Liga nicht attraktiv genug zu sein für unsere besten Jugendlichen und das ist auch verständlich darf aber kein Dauerzustand sein.

Mate im Mommsen

Weiterhin bin ich an dem Thema Mate im Mommsen dran. Mit Lothar Krüger, dem Wirt des Casinos im Stadion, bin ich nun so verblieben, dass es demnächst mal einen Test mit Club Mate bei Heimspielen geben soll. Hoffentlich überträgt sich die Mate-Power dann auch auf unsere Spieler.

Zu unserem nächsten Heimspiel gegen Türkiyemspor Berlin am 23.11.2012 planen wir nicht nur wieder einen Lila Salon für unsere Wirtschaftsclub-Mitglieder, sondern es sollen auch viele neue Gesichter im Stadion begrüßt werden. Hierfür werden wir sicher nicht nur unser schickes Postkartenmotiv erneut verwenden,

sondern auch eine Sonderaktion mit dem erfolgreichen Berliner Start-up Gidsy. Mehr dazu in Kürze.

Fazit

Was mir in meiner kurzen Zeit im Vorstand nochmal umso klarer geworden ist: wie viele Leute wirklich für den Verein leben und so viel Zeit und Energie hineinstecken. Dafür gebührt jedem und jeder mein aller herzlichster Dank! Wir in Vorstand & Aufsichtsrat bemühen uns nach Kräften, die an uns gestellten Herausforderungen zu meistern. Dabei brauchen wir auch in der Zukunft eine glückliche Hand und die Unterstützung von noch mehr Partnern und Mitgliedern. Jeder sollte versuchen weitere Besucher oder Supporter für Tennis Borussia Berlin zu gewinnen. Der Verein, die Werte für die er steht, die Spieler, die Jugend und die Aktiven haben es verdient eine noch größere Wertschätzung für ihre Arbeit zu erhalten. Wir bauen weiter an dem Fundament einer lila-weissen Zukunft – gemeinsam. Deshalb meine kurze Mitteilung an alle: Start wearing purple!

4 Gedanken zu „Ende der Schonzeit: 100 Tage im TeBe-Vorstand

  1. Leider muss man bei dem Verein ja nicht nur die Farben anziehen, sondern sich auch gleich noch eine politische Gesinnung zulegen. Wenn man schon von der Jungle World gelobt wird, ist das ein sicheres Zeichen, das da irgendwas richtig scheisse lauft.

    • Weder Dresscode noch „Gesinnung“ nötig. Lediglich emanzipiert sollte man sein. Aber ne Frage: was soll da scheisse laufen mit der Jungle World?

  2. Ich bin beeindruckt von der neuen Präsentation des Vereins, der in meiner Jugend eine große Rolle gespielt hat. In den Fünfzigern war ich (Jahrgang 40) regelmäßig im Mommsenstadion. Auf einem Nebenplatz wurde ich mit dem Rückert-Gymnasium sogar einmal Berliner Meister. Nach meiner Rückkehr nach Berlin im Jahre 2000 war ich wieder im Stadion, bei einem Freundschaftsspiel gegen Union. Die Randale und der massive Polizeieinsatz hatten einen Schwur zu Folge: nie mehr zum Fußball. Ich habe das durchgehalten bis 2012. Mit meinem Enkel (aus Frankfurt am Main war ich jetzt dreimal bei TeBe und verfolge die Spiele über Twitter. Gern würde ich TeBe unterstützen. Aber ich bin finanziell dazu nicht in der Lage. Leider verstehe ich wegen der vielen Anglizismen – auch hier im Blog – nicht alles. Wenn ich noch etwas näher an den Verein ranrücken würde, sollte sich das geben. Dietmar Liste

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