Die Zufallsmaschine

In seinem nicht mehr ganz neuen Buch „The Serendipity Machine“ beschreibt Sebastian Olma einen Zustand wie ihn jeder kennt – Kommissar Zufall! Klar, hier geht es nicht um Kriminal Delikte, sondern um die Schaffung von Rahmenbedingungen für Innovation in der digitalen Gesellschaft. In dem handlichen, knapp 70 Seiten starken Buch, zeichnet er einen Ansatz den er, einer Case Study gleich, bei der niederländischen Firma seats2meet.com beobachtet hat und genau beschreibt. Im Untertitel des Buchs formuliert er den Ansatz als „Business Model for Society 3.0“, was mir erstmal komisch klingt (Sebastian hat mir das Printbuch vor vielen Wochen persönlich zugesendet, fyi) und diese sperrige Nummerierung erschließt sich mir auch nach einiger Zeit nicht.

Aber worum geht es hier eigentlich? Hier geht es um einen Ansatz, der in den Niederlanden sehr erfolgreich praktiziert wird, nämlich um die kostenlose Bereitstellung von Infrastruktur (Raum, Drinks, Food) und die Philosophie dahinter, dass eine Bezahlung durch eine neue andere Währung erfolgt – durch ‚kreativ Kapital‘. Doch wie funktioniert das? Derjenige der diese freie Infrastruktur zur Verfügung stellt bietet „added value“ in Form von Meetingräumen o. ä. die die Besucher dazu buchen können. Als NutzerIn der Infrastruktur willige ich ein, sowohl Online also auch auf Screens in der Location, a) mit meinem sozialen Profil dort angezeigt zu werde (mich also einchecke) und b) für die Ansprache der anderen BesucherInnen zur Verfügung stehe. Ich also mein Wissen der temporären Community an diesem Ort zur Verfügung stelle. Kern dieser Überlegung ist also die ungerichtete Bereitstellung einer Plattform, mit gewissen Spielregeln, um Zufall Raum zu geben – diesen also zu befördern.

Anhand des konkreten Beispiels seats2meet gelingt es Sebastian die Basismechanismen einer vernetzen und mehr auf die Freelance-Kultur ausgerichteten Gesellschaft zu beschreiben. Er nutzt dafür nicht nur Creative Commons Lizenzen beim texten sondern beschreibt auch die Reproduzierbarkeit des Konzepts. An vielen Stellen beschreitet er Neuland und nutzt neue Begriffe wie Fanchise, was am genannten Beispiel, die weitere Verbreitung der Co-Working-Infrastruktur ermöglicht. Ich kann den Download also erstmal nur empfehlen und wünsche mir, dass viele Leute an der Lesung am 22.03.2013 im Aufbau Haus am Moritzplatz teilnehmen. Leider werde ich nicht da sein. Ich kann doch, Generalabsage.

Trotzdem habe ich einige Fragen zu diesem Rückzahlungskonzept, denn die ungerichtete Bereitstellung von eigenen Ressourcen ist ja nicht unbedingt neu. Der Punkt den der Text umreißt ist ja eher der, dass man als Teil einer Gemeinschaft den Nährboden für etwas unerwartetes zur Verfügung stellt. Im Kern geht das Konzept also zurück auf Mechanismen die schon bei Jägern und Sammlern eine Rolle spielten – Unberechenbarkeit. In dieser digitalen Welt jedoch ein seltener werdendes Gut. Dieses Momentum zu erzeugen – oder dafür gar eine Maschine zu haben – ist ein sehr umfassender Ansatz. Nur das eine Beispiel der seats2meet.com dafür zu nutzen ist mir zu wenig. Ich verstehe vielmehr diese Arbeit als Kapitel eines umfassenderen Werkes was zu dem Thema „Urbarmachung des Zufalls“ entstehen sollte. Sebastian: there is work to do! I’m in.

3 Gedanken zu „Die Zufallsmaschine

  1. Lieber Andreas,

    herzlichen Dank für Deinen freundlichen Kommentar und die äußerst konstruktive Kritik. Ich gebe Dir prinzipiell in allem Recht. Selbstverständlich kann man so was wie ne Serendipitous Economy (ich wage mich hier nicht an eine deutsche Übersetzung:) nicht auf der Basis EINES bestimmten Geschäftsmodells konstruieren. Da gehe ich völlig mit. Der Grund dafür, dass ich diesem Modell ein Büchlein gewidmet habe, liegt darin, dass es in der Lage ist, die „Währungen“ der alten und neuen Ökonomien auf eine Weise miteinander zu kombinieren, die wirklich ihresgleichen sucht. Ich forsche, berate und hacke auf diesem Gebiet seit vielen Jahren und bin da eigentlich nicht so leicht zu beeindrucken… Wie dem auch sei, die von Dir sogenannte „Urbarmachung des Zufalls“ halte ich auf jeden Fall für ein äußerst wertvolles – und gerne auch gemeinsames – Projekt. Mit Blick auf das angeregte umfassendere Werk: da bin ich bereits dran und zwar zusammen mit Geert Lovink 🙂

  2. Thank you for your nice words. I realize that in this book Sebastian only takes Seats2meet.com as a leading example of this new business model. The reason for me is clear: I don’t know any other company who is using this model (yet). Also good to know that every coworking centre can initially have free access to this software platform via http://www.myowns2m.com .

  3. Hallo Andreas!
    Du hast recht dies ist erst der Anfang ich glauibe aber, dass du nirgendwo auf der Welt ein besseres Beispiel für Serendepity finden kannst wie in Seats2meet in Utrecht direkt über den Hauptbahnhof… Ich war einige Male dort und dieser Ort hat
    etwas magisches…etwas unbeschreibliches…ich glaube jeder Versuch dies aus der Ferne zu analysieren muss scheitern! Mein Vorschlag beim nächsten Termin in Holland einfach einen Besuch beim Ronald in Seats2meet Utrecht einplanen… Ist wirklich eine Reise wert! Wobei ich es nicht als Serendepity machine sehe..sondern viel mehr als ein magischer Ort der Begegnung! Auch servant leadership kann man in Utrecht perfekt studieren! Die meisten serendepity places sind temporär… Messen zum Beispiel oder Kongresse.. Aber wo gibt es etwas ähnliches wie seats2meet? Für Sebastian gibts noch viel Arbeit..es wäre spannend zu hören wie Serendipty im Zeitalter des Cognitive Computing genutzt werden kann um Lösungen zu finden. Da serendepity nicht sehr greifbar ist werden sich Grosskonzerne damit schwer tun…tendenziell ist es eher etwas für sehr innovative Unternehmen..wirklich innovative Unternehmen nicht nur am Papier!

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