Mitgedacht bei: „Die Sache mit Silicon Valley und Europa“

Werde mal dem Aufruf von Nico Lumma folgen und einige Punkte ergänzen:

Man kann es für einen tollen Schachzug der SXSW halten, zum ersten Mal genau auf den Termin der CeBIT zu gehen, bzw es für eine besonders unvorsichtige Aktion der CeBIT halten diesen Termin zu nutzen (dabei ist es unerheblich wer zuerst geplant / verkündet hat) – fest steht, so schlecht stand der Hannoverevent noch nie da (was Nico sagt). Wahrscheinlich ist die Terminwahl eh nur Zufall. Mir erscheint der Vergleich der beiden nicht Millionenmetropolen (Hannover +- 500k, Austin +-800k) und ihrer Leitevents nur in geringem Maße aussagekräftig, denn in Austin ging es immer um Kulturindustrie (Film, Musik, Interactiv) und in Hannover ging es immer um Mittelstand und Industrie IT.

Beide “Welten”, die deutsche Start-Up-Kultur und das Silicon Valley, miteinander zu vergleichen ist mittlerweile eine der langweiligsten Dinge über die man sprechen kann. Nicos Ansatz, auf die EU zu schauen und hier nach Ressourcen zu suchen, um Internet-Hightechunternehmen zu entwickeln halte ich für aussichtsreicher. Dabei fehlt mir aber ein wirklich entscheidender Ansatz: es geht eigentlich immer nur um die schnell skalierenden Businessmodelle und nicht um die gesamte Infrastruktur drumherum. Es geht nicht um die Anhäufung von genug schöpferischen Potenzial oder die Anziehungskraft von Metropolen (wenn man hier Austin und Hannover vergleicht…). Berlin hat in Deutschland vielleicht einen riesigen Anteil an VC-Invests. Gegenüber Investitionen im Valley kann das nur ein marginaler Bruchteil sein (Wer das mal ausrechnen oder verlinken mag…). Der Punkt ist doch ein anderer:

Elisabeth Oberndorfer, deutschsprachige Techjournalistin im Valley fasst das gut zusammen in ihrem Artikel ‘Was ich in einem Jahr in San Francisco gelernt habe’: Europäer blicken in Schockstarre in den Westen und warten darauf, dass Silicon Valley ein Geschäftsmodell entdeckt, das Erfolg garantiert (“Looking at you, Medienbranche”). Das gibt es jedoch in keiner Industrie. Monetarisierung spielt in Tech-Unternehmen erst in einer späteren Phase eine Rolle. Und ist es soweit, funktionieren unterschiedliche Modelle für unterschiedliche Unternehmen. Kombinieren, variieren, experimentieren und bei Misserfolg noch einmal von vorne anfangen, ist wohl die einzige Methode, die man hier als Erfolgsmodell bezeichnen kann.“

Das ist für mich der zentrale Punkt (Frag mal Soundcloud, fast ein Wunder, dass es sie noch gibt), es geht in Deutschland sofort um die Verwertbarkeit im Rahmen der Start-Up-Finanzierung und nicht um die Idee und ihre Potenziale. Deshalb hängen in Deutschland auch immer die gleichen Leute auf den relevanten Events und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Große Unternehmen geben Brosamen für eine Menge Anteile an einer Idee die ihnen auf dem Silbertablett in regelmäßigen Abständen gepitcht wird.

Wenn wir unsere Internetwirtschaft also wirklich auf globales Niveau bringen wollen, bringt es nix, einem Zug der schon ewig abgefahren ist nachzulaufen. Wir brauchen ein Sofortprogramm mit öffentlichen und privaten Mitteln finanziert, aus dem Risikobereitschaft und Innovation finanziert werden kann. Die EU macht da ja erste Schritte in der Vereinfachung der Förderung. Viel wichtiger ist aber, dass unsere GründerInnen nicht nur dem Start-Up-Paradigma folgen und an jeder Ecke der coole VC finanzierten Unternehmern gehuldigt wird. Hier werden Rollenmodelle entwickelt, die eine verlorene Generation nachsichziehen können (und nebenbei einen Braindrain bei anderen lokalen Firmen auslösen).

Europa, Deutschland, Berlin oder Hamburg – alle setzen auf ein Paradigma und händigen ihre Ideen über kurz oder lang internationalen Investorengruppen aus (Frag mal bei der Noah nach, wo die dreistelligen Millionenbeträge der VC-Fonds herkommen).

Solange öffentliche Mittel in der Forschungsbürokratie, bei Standortinitiativen oder in selbstgestrickten VC-Instrumenten untergehen werden wir keinen GründerInnenfrühling bekommen sondern weiter im Dunklen sitzen. Aber wie schon Rio Reiser sang: “Wenn die Nacht am tiefsten …

Und ja, es braucht noch viele weitere Ergänzungen …

4 Gedanken zu „Mitgedacht bei: „Die Sache mit Silicon Valley und Europa“

  1. naja, hinzu kommt ja auch noch das Thema „nachhaltige Geschäftsmodelle“ – über VC werden vor allem schnell drehende Geschäftsmodelle finanziert, die spätestens nach dem Erreichen der Gewinnzone teuer verkauft werden sollen. Die Idee, dass man eine Firma aufbaut und damit über lange Jahre gute Umsätze generiert, passt nicht zum VC Modell. Also können wir hier nur bootstrappen und sind langsam.

    ach, darüber blogge ich auch mal. 🙂

  2. Theoretisch wären vernünftige staatliche Förderprogramme eine Alternative zu VC. Wer sich aber mal die Mühe macht und sich in den Dschungel dieser Programme und vor allem ihrer Anforderungen begibt, der überlegt es sich dreimal, ob er sich das antun will. Nichts gegen eine vernünftige Vergabe-Kontrolle (geht ja immerhin um Steuergelder). Aber wenn man als Gründer Tage und Wochen damit verbringen soll, immer neue Businesspläne zu erstellen, in denen ganz offen zum spekulieren über Forecasts für die kommenden drei Jahre aufgefordert wird, dann ist das nur lächerlich. Und auch Initiativen der Wirtschaft, wie der HGF (Hightech Gründer Fonds) erwarten allen Ernstes, das Gründer regelmäßig vor irgendwelchen Gremien „Männchen machen“ und unermüdlich erklären, was wann wie wo grade passiert. Man hat als Gründer in Deutschland also die Wahl zwischen Teufel und Belzebub: Entweder eine Weile lang Ruhe, die beim ersten Anzeichen von Erfolg den unausweichlichen Schlag mit der Exit-Keule nach sich zieht. Oder aber Staatsknete, die man sich durch ständiges Controlling mehr als teuer erkaufen muss und nach einer Weile die Lust am eigentlichen Business-Aufbau gründlich verleidet. Wohl dem, der aus eigenen Mitteln gründen kann und dann die Qual der Wahl hat, wen er bei Bedarf in einer späteren Phase mit an Bord holt.

  3. Tage und Wochen ginge ja noch, aber die Verwaltung ist stolz, wenn zwischen Start des Vergabeverfahrens und Ausschüttung des Geldes nur 6 Monate liegen…

  4. Einer der großen Unterschiede ist doch, dass es in den USA offenbar viele risikofreudige private Finanzierer gibt, wobei ich mit „privat“ nicht-öffenliche meine. Die bei uns übliche Praxis der öffentlichen (Nicht-)Förderung wird nie zum Ziel führen. Zum Einen, weil es, wie von Boris treffend beschrieben, viel zu kompliziert und langwierig (und damit abschreckend) ist, zum Anderen, weil dabei im Grunde alle Gründungen mehr oder weniger in einen Topf geworfen und von Leuten bearbeitet werden, die wahrscheinlich gar nicht in der Lage sind, den Unterschied zwischen der Gründung eines Cafés und der eines Internetunternehmens zu kenn und zu würdigen. Das eine ist nicht besser als das andere, aber die Sachverhalte und Rahmenbedingungen sind grundsätzlich unterschiedlich. Auf der anderen Seite ist hierzulande neben dem Blick in „Schockstarre “ auf die Entwicklungen im wilden Westen (wann kommt denn nur das nächste Modell, das wir im Erfolgsfall kopieren können?) auch den erwartungsvollen Blick nach Düsseldorf, Berlin und Brüssel gibt. Denn die nahezu selbstverständliche Erwartung, das einem der Staat bei der Gründung unter die Arme greift, ist eben auch leider selbstverständlich. Hinter diesen Unterschieden stecken eben auch grundlegende Mentalitätsunterschiede. Die USA wurden von Pionieren entwickelt, die Europa aus guten Gründen verlassen und in der „neuen“ Welt von Grund auf neu angefangen haben. Dieser Geist steckt auch heute noch in diesem Land und seinen Bürgern – erst mal machen, sich selbst helfen und so weiter kommen. Das führt zu einer höheren Risikobereitschaft und im Erfolgsfall eben auch zu einem entsprechen hohen Gewinn. Das ist bei uns grundlegend anders. Europäer, und Deutsche vorneweg, verlassen sich gerne auf den Staat und gehen weniger gerne hohe Risiken ein, wie man aus den geschilderten Anforderungen an Gründer ersehen kann. Es braucht keine weiteren staatlichen Programme, sondern einen Mentalitätswechsel in der Deutschen und Europäischen VC-Branche und eine stärkere Gewichtung des Risikobegriffs bei solchen Finanzierungen, um hier etwas zu bewegen. Es ist doch schon fast grotesk, dass es mittlerweile erfolgreiche Geschäftsmodelle für Berater gibt, die sich in dem Förderdschungel auskennen und dafür bezahlt werden, die „richtigen“ Antworten in die mannigfaltigen Dokumente zu schreiben, damit ein geplantes Vorhaben finanziert wird. Ob die Gelder dann immer an die richtigen Stellen, nämlich zu den wirklich innovativen Gründern, gelangen, mag bezweifelt werden.

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