Vision einer transparenten Verwaltung

Dieser Artikel ist erstmals im ‚Kulturförderbericht 2014 des Landes Berlin‚ erschienen.

Transparenz ist der natürliche Feind der Bürokratie. Akten, Vorgänge und Vermerke bilden immer noch den Alltag in den Amtsstuben. Doch es bewegt sich was. Durch das größere Verlangen der Bürgerinnen und Bürger nach Zugang zu Informationen der öffentlichen Hand entwickelt sich ein Markt für offene Daten und mehr Transparenz. Die staatlichen Institutionen müssen lernen damit umzugehen und dürfen sich nicht verstecken – denn die Entwicklungen stehen erst am Anfang. Es bilden sich große Chancen für eine neue Epoche der Kooperation. Eine Übersicht.
Die Digitalisierung verändert jede Lebenswirklichkeit und in jede Altersklasse hinein und fragt nicht nach Kontext, Vision oder Rahmenbedingungen. Sie findet statt. Kern der Umwälzung ist die Sichtbarkeit und Verfügbarkeit von Daten, Informationen und Strukturen. Man muss die Digitalisierung nicht verstehen, während sie das eigene Leben, die Arbeitswelt und die Kultur verändert und prägt. Besser ist es, sich die Tugenden der Offenheit und Allgegenwart des digitalen zu nutze zu machen oder zumindest das Ohr auf der Schiene zu haben auf der die nächste Disruption stattfindet. Auf diese Sorte von Game Changern sind vorhandene Strukturen meist nicht vorbereitet.
Kulturfoerder
Verwaltungen sind statische Gebilde – in Form gegossene Demokratie im Wortsinn. Sie steuern und definieren Prozesse und verbindlich scheinende Abläufe für die Allgemeinheit. Durch ihre Verfasstheit und Struktur ist sie das genau Gegenteil von agilem oder veränderungs-bezogenem Handeln. Dabei ist sie ein stark handelnder Akteur, denn sie führt politische Vorgaben aus, muss aber mittel oder langfristig auch mit diesen leben können, so wie es ihren Vorgaben entspricht. Dabei bleiben Bürger und Akteure, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, schnell auf der Strecke. Die Balance zwischen Sicherheit (Verwaltung) und Flexibilität (Kreative) muss für jeden Akteur sichergestellt werden, denn nur über Planbarkeit entsteht Verbindlichkeit.
Doch was sind konkrete Schritte um mehr Transparenz und öffentliche Verfügbarkeit von Ressourcen und Angeboten der Kulturverwaltung in Berlin zu erlangen? Ein wichtiger und wegweisender Schritt ist die Veröffentlichung von Metadaten und deren Lizenzierung unter offenen Lizenzen. Auf der einen Seite sollten die Zahlen und Fakten also maschinenlesbar der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Damit können neue Visualisierungen und Darstellung und somit ein besserer Zugang für die Bürgerinnen und Bürger geschaffen werden. Auf der anderen Seite ist es jedoch wichtig, dass diese Daten auch offen und nachhaltig lizenziert sind, denn nur dann werden sich Menschen motivieren lassen, mit den Daten auch etwas zu tun. Denn nicht nur die Verfügbarkeit ist wichtig, sondern auch das klare Angebot, dass mit den Daten gearbeitet werden soll und darf. Dadurch kann ein neuer Resonanzraum zwischen der Zivilgesellschaft und der öffentlichen Hand entstehen, der Vertrauen und Verständnis auf beiden Seiten fördert.
Hierfür müssen interne Schritte der Verwaltungsspitze klar und verständlich kommuniziert werden. Nehmen sie die die Arbeit machenden MitarbeiterInnen genauso mit wie die Akteure des Handlungsfeldes in dem sie agieren. Die MitarbeiterInnen sind in der Lage als Plattform für die Bürgerinnen und Bürgern zu dienen die sich für ihre Aufgaben und Handlungen interessieren. Hier entsteht schnell Überforderung die durch gute Kommunikation verhindert werden kann.
Parallel zu der transparenteren Verwaltung gilt es neue Ansätze für die Vergabe von Mitteln der Kulturverwaltung aufzubauen. Dabei können Methoden aus dem Crowdfunding Anwendung finden. Warum werden nicht Bürgerinnen und Bürger mit in Vergabeentscheidung einbezogen? Die dafür notwendigen Onlineplattformen stehen schon zur Verfügungen. Der dafür notwendige Perspektivwechsel kann durch Pilotprojekte und Tests begleitet werden. Auch hier gilt: Nachhaltigkeit ist wichtiger als Schnelligkeit der Implementierung.
Transparenz ist nicht nur Digital! Einen Strategie der Offenheit schafft auch Orte. Warum schaffen wir keine Struktur des „Public Working“ (Analog zum Co-Working)? Also physische Raume für die Projekte die gefördert werden. Dort kann die Verwaltung mit ihnen zusammen arbeiten und die Projektverläufe fortwährend zu verfolgen. Für die Öffentlichkeit eine spannende neue Perspektive und für die Projekte eine tolle Unterstützung.
Dabei gilt natürlich immer: Öffentliche Evaluationen von Jury- oder anderen kreativen Vergabeentscheidungsprozessen müssen Standard der Kulturpolitik werden. Dadurch entstehen ganz neue Dynamiken die den Kulturbetrieb beleben. Es kann ein Wettlauf der Möglichkeiten ausgerufen werden zwischen den saturierten Häusern und Spielstätten, die vermeintlich die Lesart und den Taktstock inne haben, und den Plätzen, Technologien und Gruppen abseits dieser Zirkel. Collaboration und Teamplay ist das Gegenteil Neid und Missgunst. Zur Transparenz gehört also auch Respekt und Verständnis für die jeweiligen anderen Akteure.
Transparenz bedeutet auch Sicherheit. Sowohl für die eigenen Planungen von Projekten und Orten als auch über die Rahmenbedingungen. Heute sind die komplizierten und lähmenden Abrechnungs- und Beantragungsmodalitäten von Projekten einer der Hauptgründe überhaupt nicht am öffentlich unterstützten Kulturbetrieb teilzunehmen.
Strukturen und Institutionen scheinen sich durch ihre Verfasstheit den Nimbus des Solitärs entwickelt zu haben und sind somit nicht auf die Kollaboration und Zusammenarbeit vorbereitet und in diesem Sinne vernetzt.
Die bedingungslose Kultur der Offenheit und Transparenz der digitalen Welt muss sich in der Strategie und Meinungsfindung der Kulturpolitik widerspiegeln und den fluiden Prozessen und Akteursstrukturen ihren Raum lassen und nicht die verschiedenen Sektoren der Künste gegeneinander ausspielen. Hierfür sind Investitionen und agile Konzepte gefragt.
Dabei darf nicht gelten – das war doch schon immer so – sondern: wie wird es in der Zukunft sein? Können wir langfristig finanzierte Orte und Institutionen erhalten wenn sie permanent als ‚elitäre‘ und ‚über finanzierte‘ Institutionen in der Öffentlichkeit dargestellt werden?
Nein! Deshalb muss die offensive Forderung einer transparenten Kulturpolitik und Verwaltung die Forderung sein, den Kulturetat zu verdoppeln und dieses Geld in die digitale Kultur zu investieren.
Mitunter verhält sich die Entwicklung zwischen vermeintlicher Hochkultur und Underground wie bei Stalaktiten und Stalagmiten. Es dauert sehr lange bis sie sich näher kommen oder gar berühren. Die Geschwindigkeit steht in keinem Zusammenhang mit den Bedürfnissen der einzelnen Akteure. Hier kann die Berliner Mischung aus beidem, einzigartigem Kulturbetrieb und internationalen Akteuren, einen Grundstein legen für langfristige Projekte und Vereinbarungen. Transparenz zu leben ist hierfür ein fundamentaler Baustein. Integrierende Strukturen die für alle klare Regeln aber auch klare Möglichkeiten der Einflussnahme bieten müssen aufgebaut und etabliert werden. Die dafür notwendigen Mittel, aber auch die notwendigen Freiräume müssen den Verwaltungsmitarbeitern eingeräumt werden.
Diese neue Form des ‚Cultural Gouvernance‘ muss sich mehr an Strukturen und Anforderungen orientieren und somit einen nachhaltigen Ansatz pflegen. Dabei dürfen – ja müssen – Fehler gemacht werden dürfen um den Neuerungen und Veränderungen auch den Freiraum zu geben um sich zu entwickeln. Über die konkreten Methoden und Herangehensweisen müssen sich die Akteure in einem offenen und partizipativen Prozess verständigen.
Wenn also alle Akteure einbezogen werden. Wenn die Politik der Verwaltung den klaren Auftrag erteilt und die Ressourcen zur Verfügung stellt und Orte, Online- und Offline entstehen in denen Partizipation und Transparenz gelebt und gearbeitet werden kann, dann entsteht im besten Sinne eine neue Kulturpolitik und eine zukunftsfähige Struktur. Mag der Weg dorthin auch noch viel Zeit und Geld benötigen. Er ist alternativlos.
ANDREAS GEBHARD
ist Unternehmer in der Kreativwirtschaft und Geschäftsführer der re:publica.

[Dieser Artikel ist erstmals im ‚Kulturförderbericht 2014 des Landes Berlin‘ erschienen. Für die Erstellung hat der Autor ein Honorar erhalten.]

Oberholz 2

Heute bin ich an der Zehdenicker Str. 1 vorbeigekommen. Koulla und Ansgar haben sich kurz Zeit genommen mir die neuen Räume des Sankt Oberholz zu zeigen. Sehr anstrengend ein ganzes Haus neu zu bespielen!

NEIN: der Laden am Rosenthaler bleibt, hier handelt es sich um eine weitere Location mit Co-Working, Büros und einem Cafe. Neuer Wind also in Mitte!IMAG1054

Ab die Tage wird eröffnet. Ich freue mich drauf. Hier einige Bilder:

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Plötzlich finden es alle gut – Berlin Festival nicht mehr in Tempelhof

Lustig. Seit heute ist es öffentlich: das Berlin Festival ist auf dem Gelände des Flughafen Tempelhof Geschichte. Nun, als Besucher einiger der Produktionen und als Mitveranstalter einer der Berlin Music Week zugeordneten Veranstaltung vor einigen Jahren muss ich schon sagen: hä? Nun sind sich alle einig: der Standort war falsch. Dabei liegen die wirklichen Probleme dieses für Berlin augenscheinlich so wichtigen Festivals doch wo ganz anders.
Aber fangen wir mit den aktuellen Zitaten an: Björn Böhning, Chef der Senatskanzlei beschäftigt sich in seinem Zitat in der Morgenpost mit dem Setup eines Festivals insgesamt:

„Für eine besondere Festivalatmosphäre muss man im Schlafzelt übernachten können, und die Lautstärke darf keine Rolle spielen“

Oder

„Es gibt bessere Plätze für Konzerte als ein nacktes Rollfeld“

, sagt Björn Döring, Chef der Berlin Music Week. Und

„er sei glücklich“

. Alle sind also glücklich, inklusive der Veranstalter selber und

„in der Bewertung sind sich nun – auf einmal – alle einig, hat sich [Der Flughafen] als Musikstandort nicht bewährt.“

Leider verdeckt diese Lesart völlig den Blick auf die wahren Gründe dieses Scheiterns: Das Festival in der durchgeführten Form war zu kommerziell, zu langweilig vom Line-Up, zu teuer, eher seelenlos und vor allem: kein Aushängeschild für Berlin! Wer nun versucht den Standort Tempelhof als Musikort zu dikreditieren befindet sich in guter Gesellschaft, denn das hatten wir schon Mal 2010.
Es steht doch eher zu vermuten, dass das Gebäude Investorenready gemacht werden soll.
Schade eigentlich, denn den Versuch ein wirkliches Festival der Berliner Sub- und Musikkultur auf dem Gelände zu veranstalten hat keiner versucht.

Berlin goes Thessaloniki

Erfahrungsbericht über die Kultur- und Kreativwirtschaft im griechischen Thessaloniki

Zwischen dem 02. – 07. Oktober 2013 war ich zusammen mit fast 20 Akteuren der Berliner Musik- und Kreativszene auf einer Delegationreise an der Bucht von Thessaloniki. Die zweitgrößte Stadt Griechenlands, ganz im Norden in Makedonien gelegen, hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Die politische Situation in der Region war mir vor dem Besuch nicht wirklich bekannt. Über die Spannungen und die Konflikte in der Region kann man Bücher schreiben. Deshalb klammere ich das mal aus. Klar ist, dass hier seit Jahrtausenden (sic!) unterschiedlicheste Einflüsse unterwegs waren.

Mal gehörte Thessaloniki zum Osmanischen Reich, dann zu Griechenland, zu Bulgarien … wer dazu mehr wissen will, sollte einfach mal bei der Wikipedia nachlesen. Die Vielfalt der Einflüsse in die Architektur der Stadt (zumindest da wo die 60er und 70er Bausünden nicht die alten Gebäude und Strukturen zerstört haben) ist sehr groß.

Über die Geschichte der letzten 30-40 Jahre, die viel mit Korruption und Vetternwirtschaft zu tun hat, haben wir bei unserem Besuch einiges erfahren. Die Poltik- und Staatsverdrossenheit vieler Leute die wir bei unserer Reise getroffen haben mag daraus resultieren. Der ehemalige Bürgermeister der Stadt wurde unlängst zu lebenslanger Haft verurteilt!

Die Stadt ist also ein Spiegelbild der griechischen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Welche Auswirkungen diese Rahmenbedingungen auf die Kulturszene in der Stadt haben war eine neue Erfahrung für mich – aber dazu später mehr. Ich war zunächst mal erfreut, dass ich an dieser Reise teilnehmen durfte, da ich schon mal vor ca. 5-6 Jahren vor Ort in Thessa war und die Stadt in guter Erinnerung behalten habe. Irgendwas ist da, was sehr attraktiv auf mich gewirkt hat und Anfang Oktober 2013 auch wieder so auf mich wirkte. Mein aktueller Eindruck war, das sich auf den ersten Blick nicht viel verändert hat. Die Lokale an der Uferpromenade sind weiterhin extrem teuer, der Mix aus überwiegend grauen Platten/Funktionsbauten mit (teil-)verfallenen älternen Gebäuden und den Bauruinen der Jahrhunderte – ein morbider Charme der viel Leerstand und somit auch viel kulturelles Entwicklungspotenzial beinhaltet.

Kern unseres Besuchs war eine zweitägige Konferenz der Konrad Adenauer Stiftung in den Räumen des Goethe Instituts Thessaloniki. Die Planung der Reise oblag der Berliner Club Commission und einigen anderen Partnern. Das Berliner Projektbüro wurde durch die WOMEX geleitet. Die Delegationsreise wurde durch die Adenauer Stiftung finanziell unterstützt (vielen Dank dafür) und war der Gegenbesuch der BerlinerInnen in Griechenland. Die Gruppe aus Thessaloniki war im Juni 2013 in Berlin gewesen und hatte hier bei uns ein umfangreiches Programm der Berliner Kulturszene vermittelt bekommen. Dafür haben sie sich in Thessaloniki mit einem auch sehr ambitionierten Programm revangiert. Meist zwischen 10 Uhr am Morgen bis 1-2 Uhr in der Nacht reihte sich ein Programmpunkt an den anderen und wir hatten kaum Zeit um Luft zu holen, geschweige denn, umfangreich über das gehörte zu reflektieren. Deshalb möchte ich in diesem ersten Beitrag zum Thema versuchen einige meiner Eindrücke zu vermitteln, damit die Zusammenarbeit in der Zukunft von möglichst guten Voraussetzungen ausgeht! Klar ist aber, dass sehr viele Aspekte und Diskussionsthemen einer eigenen Betrachtung bedürfen und ich hoffe, dass ich diese Texte auch noch schreiben werde.

Nach der Anreise am 02. Oktober wurden wir direkt von den Projektpartnern am Flughafen mit einem Bus abgeholt. Auf dem Weg in die Innenstadt war schon ein erstes Highlight für uns vorbereitet. Wir wurden im lokalen Radio durch Christos Portokaloglou nametlich und auf griechisch begrüßt und wir konnten das im Bus im Radio hören: Nice! Kaum in der Innenstadt angekommen stand zunächst ein Mittagessen auf dem Plan – dauer ca. zwei Stunden. Nach einer kurzen Pause im Hotel besuchten wir die sehr prominent im Hafen gelegene Kitchen Bar, eine große und stylische Location mit einem tollen Blick über die gesamt Bucht von Thessaloniki. Die Bar ist das Highlight auf dieser Landzunge am Hafen der Stadt. Diese Lage und die tolle Location lassen sich die Macher auch gut bezahlen vom Gast, ein 0,4l Bier kostet dort 5,80,- EUR.

Nächste Station war das Rathaus der Stadt auf der anderen Seite der Innenstadt. Eine Aufführung stand auf dem Plan, die sich in dem sehr modernen Gebäude, für uns aber nicht besonders erschlossen hat, denn sie war eher auch eine Performance in griechischer Sprache. Nach einem Abendessen war dann weit nach Mitternacht Ende mit dem ersten Tag.

Die Konferenz startet dann am Donnerstag, den 03. Oktober um 10 Uhr im Goethe Institut. Naja, sollte sie zumindest, denn bis es wirklich losging war es fast 11. Der Tag eins der Konferenz war gegliedert in fünf Paneldiskussionen. Nach den Begrüßungsreden berichteten einige aus der Berliner Delegation über den Stand des Projektes ‚ThessBerlin2021‘, unter dem das Vernetzungsprojekt zwischen der Musik- und Kreativwirtschaft in Berlin und Thessaloniki betrieben wird, über den Stand der Vernetzung und den bisherigen gemeinsamen Aktionen. Es gab also eine Rückschau auf den Besuch der GriechInnen bei uns in Berlin und Berichte u. a. der Berlin Music Commission. Dabei wurde nochmal deutlich, dass unser Besuch auch dazu dienen sollte, mit Beispielen aus Berlin wie der BMC, den Freunden in Thessaloniki Hilfestellungen bei der lokalen Organisation ihrer Szene zu geben. Bei nahezu jeder Diskussion der Konferenz wurde klar: die Fronten zwischen den Musik und Kreativschaffenden und der Politik sind sehr verhärtet. Es kam häufig zu Wortgefechten zwischen den Vertretern der Politik und Verwaltung (die sich alle sehr positiv auf die Branche bezogen haben und auch unterstützend tätig waren – u a. bei der Vorbereitung der Konferenz) und den MacherInnen aus der Kreativszene. Mehr als deutlich wurden die Vorurteile der Kreativen gegenüber der Politik – was sicher auch eine Berechtigung hat – aber eher nach hinten gerichtet erschien. Es mangelt also an vielen Stellen an Vertrauen und gegenseitigem Respekt bzw. der Abstraktion sich in den anderen hinein zu versetzen. Das ist sicher nachvollziehbar, aber nicht besonders konstruktiv wenn es um zukünftige gemeinsame Aktivitäten geht.

Ich durfte auf der Konferenz zwei Panels moderieren. Interessant daran war, dass der Begriff „Moderation“ schon sehr unterschiedlich interpretiert wurde von den griechischen und deutschen TeilnehmerInnen. Denn wo sich die griechische Seite eher um die Ansage der Rednerinnen und Redner bemühte, sah ich meine Aufgabe eher im kritischen Nachfragen und zusammenfassen. Das sorgte schon für einige Verwirrung, wenn ich zum Beispiel einen Griechen einfach mal unterbrochen habe. „Meine“ Themen waren „Europäische Fördermittelprogramme“ und „Tourismus und Festivals / Konzert“. Bei letzterem wurde besonders deutlich, wo die Probleme der Stadt liegen. Nach einem interessanten Vortrag von Anastasis Diolantzis vom Reworks Festival ereignete sich ein besonderes „Schmankerl“ über die Kommunikationskultur in der Stadt. Anastasis berichtet über Schwierigkeiten bei der Organisation des Festival. So fand am selben Tag von Reworks ein Autofreier-Tag in der Stadt statt. Das führte bei der Organisation des Events zu großen Problemen, da die Stadt mit dem Auto nicht benutzbar war. Eine bessere Abstimmung zwischen den Veranstaltern hätte bestimmt dazu geführt, dass beide Seiten eine Lösung für das Problem hätten finden können. (Grundsätzlich würde ich sagen, dass weniger Autos der Stadt sehr gut tun würden…) Einen besonderen Spin bekam dieses Beispiel jedoch dadurch, dass zum Ende des Panels der Bürgermeister Giannis Boutariszu seinem Grußwort erschien. Er bezog sich drin auf die wichtige Rolle der Beziehung zu Berlin, aber auch auf lokale Kulturprojekte. Außerdem, jetzt kommt’s, führte er ein prestige Projekt der letzten Zeit an, nämlich, dass aus der Mitte der Bevölkerung der Wunsch nach einem Autofreien-Tag gekommen sei. Diesen umzusetzen sei ein Zeichen von Bürgerbeteiligung und einer Zeitenwende in der Stadt. Die Reaktionen im Publikum (ich konnte ja alle sehe, da ich auf dem Panel saß), waren wirklich bemerkenswert. Auch Anastasis wäre fast vom Stuhl gefallen. Dieser Zufall (Boutaris konnte ja von der Diskussion im Raum vorher nichts wissen), war sowas wie eine symptomatische Blaupause der Beziehungen zwischen der Politik, der Verwaltung und den Kulturschaffenden. Dazu kommt noch ein deutlicher Generationenkonflikt innerhalb der Kulturszene. Denn klar ist, wenn man seit 20 Jahren kreative Arbeit in Thessaloniki macht hat man natürlich einen komplett anderen Blick auf die Dinge als wenn man sehr viel jünger ist und durch die aktuelle Krise mehr geprägt wurde.

Auf der Konferenz durfte ich auch noch einen kleinen Vortrag halten. Unter dem (etwas sperrigen) Titel „Digitale Gesellschaft – Plattform für kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung – Thesen zum selbstbestimmten Unternehmertum “ habe ich einige Erfahrungen aus meiner Arbeit geschildert. Das Feedback dazu war sehr positiv und hat einige Anknüpfungspunkte für eine zukunftige Zusammenarbeit geliefert. U. a. lernte ich dadurch die Macherinnen von ApoDec kennen, einem Designteam mit eigenem Studio (Cool!). Nachhaltiger war auch der Eindruck, den mein Vortrag bei dem Team vom COO hinterlassen hatte.

Bei einem privaten Streifzug durch die Stadt war ich auf der Suche nach einem Laden um was zu trinken. Ich war in der Gegend rund um unser Hotel unterwegs gewesen, dem wichtigsten Kreativquartier der Stadt. Letztlich habe ich mich zufällig für den Laden entschieden (wobei, nicht zufällig, denn ich fand ihn am interessantesten) und bin zum Tresen um etwas zu bestellen. Dort traf ich dann auf Apostolis der hinter der Bar stand. Nachdem ich meine Bestellung aufgegeben hatte, sprach er mich an und wollte sich für meinen Vortrag auf der Konferenz (am Tag zuvor) bedanken! Er war nämlich dort und hatte mich wiedererkannt. An die Bezahlung von Getränken an diesem Abend war ab sofort nicht mehr zu denken! Ich bin dann mehr als 5 Stunden bei der Crew im COO geblieben und wir haben über die unterschiedlichsten Dinge rund um die Szene in Thessaloniki gesprochen. Auch über die steuerliche Situation von Bars & Clubs und dem Verhalten der Steuerbehörden. Im COO fand an diesem Abend auch eine Party statt die wir eh als Berliner Delegation besuchen wollten. Deshalb kamen dann auch alle aus der Berliner Gruppe dort hin.

Als ich am nächsten Tag nochmal in dem Laden vorbeigegangen bin wurde mir erzählt, dass kurz nachdem wir den Laden in der Nacht verlassen hatten die Steuerprüfer im COO eingerückt sind, zwei Stunden vor Ort waren, 30 Minuten die Bar lahmgelegt haben und letztendlich ein Bußgeld über 500,- wegen falscher Belege verhängt (und gleich kassiert) haben. Eine groteske Verdichtung der Probleme die Clubs und Bars in Thessaloniki haben, über die ich an anderer Stelle gern nochmal berichten werde.

Insgesamt war die Reise für mich ein voller Erfolg. Ich konnte tolle Leute und Orte kennenlernen, insbesondere bei unserem Rundgang durch Orte der Kreativwirtschaft, bei dem wir Studios, Proberäume, Büros, Locations und Studios besuchten. Insgesamt gibt es in Thessaloniki einen wilden Szenemix aus Aufbruch, Mainstream und Tradition, bei fast immer hohen Preisen. Es herrscht viel Leerstand, was an den hohen Raumkosten für alle Akteure liegt. Dazu die Verkehrsprobleme, der beste Teil der Stadt, die Hafenpromenade, ist eine kleine Autobahn! Noch dazu gibt es einen schwierigen Mix aus Staatsverdrossenheit und Staatsgläubigkeit, insbesondere bei den älteren TeilnehmerInnen aus Thessaloniki.

Ich möchte auf jeden Fall in der Zukunft dabei helfen, dass Erfahrungen und auch Inhalte aus Berlin in Thessaloniki eine wichtigere Rolle spielen. Um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen müssen wir mehr daraus machen, wenn wir uns gemeinsam Treffen: methodisch, zielführend und mit ganz viele Spaß!

Der Kongress der Zukunft liegt am Bodensee

Ende Juni 2013 war ich auf einerm spannenden Tagung Think-Tank auf Schloss Wartegg. Um es gleich zu sagen, das Wetter war furchtbar. Um so besser war es, dass ich ein so tolles Team von Menschen kennenlernen durfte, die – so unterschiedlich sie auch sind – sehr schnell zu einer Einheit wurden in der wir produktiv arbeiten konnten.

Die Veranstaltung nennt sich MICE-Lab, das bedeutet ‚mice = Meeting, Incentive, Congress, Event‘. An drei Tagen konnten wir uns mit der Frage beschäftigen, wie sich die Kongresse und somit die Kongress- und Veranstaltungsbranche in den nächsten Jahren verändern wird. Eine spannende Frage, zu der wir auch einiges in unserem newthinking Magazin veröffentlicht haben. U. a. einen Artikel von Claudia Brücker.

Die gesamte Veranstaltung wurde umfangreich aufgezeichnet. Es gibt eine tolle Videogalerie und der Prozess der Diskussion soll auch noch in den nächsten Jahren weiter geführt werden. Besonders gut fand ich den Ansatz, alle Inhalt als „Open Source“ zur Verfügung zu stellen. Letztlich hat mich das überzeugt überhaupt der Einladung zu folgen. Der Trailer der Veranstaltung gibt einen guten Eindruck über die Richtung der Veranstaltung und deren Dynamik.

Jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin sollte einen Gegenstand mitbringen, der etwas mit Events zu tun hat und die Person charakterisiert. Schaut hier was ich mitgebracht habe:

Inhaltlich habe ich mich mit dem Thema digitale Teilhabe beschäftigt:

Für mich steht jetzt noch etwas Nachbereitung der Veranstaltung an und ich freue mich schon auf die nächste Auflage. Die Besucher des abschließenden Konferenztags waren übrigens auch begeistert:

Vielen Dank an alle, die das Lab ermöglicht haben und an alle TeilnehmerInnen. Ich hoffe wir sehen uns bald!