Vision einer transparenten Verwaltung

Dieser Artikel ist erstmals im ‚Kulturförderbericht 2014 des Landes Berlin‚ erschienen.

Transparenz ist der natürliche Feind der Bürokratie. Akten, Vorgänge und Vermerke bilden immer noch den Alltag in den Amtsstuben. Doch es bewegt sich was. Durch das größere Verlangen der Bürgerinnen und Bürger nach Zugang zu Informationen der öffentlichen Hand entwickelt sich ein Markt für offene Daten und mehr Transparenz. Die staatlichen Institutionen müssen lernen damit umzugehen und dürfen sich nicht verstecken – denn die Entwicklungen stehen erst am Anfang. Es bilden sich große Chancen für eine neue Epoche der Kooperation. Eine Übersicht.
Die Digitalisierung verändert jede Lebenswirklichkeit und in jede Altersklasse hinein und fragt nicht nach Kontext, Vision oder Rahmenbedingungen. Sie findet statt. Kern der Umwälzung ist die Sichtbarkeit und Verfügbarkeit von Daten, Informationen und Strukturen. Man muss die Digitalisierung nicht verstehen, während sie das eigene Leben, die Arbeitswelt und die Kultur verändert und prägt. Besser ist es, sich die Tugenden der Offenheit und Allgegenwart des digitalen zu nutze zu machen oder zumindest das Ohr auf der Schiene zu haben auf der die nächste Disruption stattfindet. Auf diese Sorte von Game Changern sind vorhandene Strukturen meist nicht vorbereitet.
Kulturfoerder
Verwaltungen sind statische Gebilde – in Form gegossene Demokratie im Wortsinn. Sie steuern und definieren Prozesse und verbindlich scheinende Abläufe für die Allgemeinheit. Durch ihre Verfasstheit und Struktur ist sie das genau Gegenteil von agilem oder veränderungs-bezogenem Handeln. Dabei ist sie ein stark handelnder Akteur, denn sie führt politische Vorgaben aus, muss aber mittel oder langfristig auch mit diesen leben können, so wie es ihren Vorgaben entspricht. Dabei bleiben Bürger und Akteure, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, schnell auf der Strecke. Die Balance zwischen Sicherheit (Verwaltung) und Flexibilität (Kreative) muss für jeden Akteur sichergestellt werden, denn nur über Planbarkeit entsteht Verbindlichkeit.
Doch was sind konkrete Schritte um mehr Transparenz und öffentliche Verfügbarkeit von Ressourcen und Angeboten der Kulturverwaltung in Berlin zu erlangen? Ein wichtiger und wegweisender Schritt ist die Veröffentlichung von Metadaten und deren Lizenzierung unter offenen Lizenzen. Auf der einen Seite sollten die Zahlen und Fakten also maschinenlesbar der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Damit können neue Visualisierungen und Darstellung und somit ein besserer Zugang für die Bürgerinnen und Bürger geschaffen werden. Auf der anderen Seite ist es jedoch wichtig, dass diese Daten auch offen und nachhaltig lizenziert sind, denn nur dann werden sich Menschen motivieren lassen, mit den Daten auch etwas zu tun. Denn nicht nur die Verfügbarkeit ist wichtig, sondern auch das klare Angebot, dass mit den Daten gearbeitet werden soll und darf. Dadurch kann ein neuer Resonanzraum zwischen der Zivilgesellschaft und der öffentlichen Hand entstehen, der Vertrauen und Verständnis auf beiden Seiten fördert.
Hierfür müssen interne Schritte der Verwaltungsspitze klar und verständlich kommuniziert werden. Nehmen sie die die Arbeit machenden MitarbeiterInnen genauso mit wie die Akteure des Handlungsfeldes in dem sie agieren. Die MitarbeiterInnen sind in der Lage als Plattform für die Bürgerinnen und Bürgern zu dienen die sich für ihre Aufgaben und Handlungen interessieren. Hier entsteht schnell Überforderung die durch gute Kommunikation verhindert werden kann.
Parallel zu der transparenteren Verwaltung gilt es neue Ansätze für die Vergabe von Mitteln der Kulturverwaltung aufzubauen. Dabei können Methoden aus dem Crowdfunding Anwendung finden. Warum werden nicht Bürgerinnen und Bürger mit in Vergabeentscheidung einbezogen? Die dafür notwendigen Onlineplattformen stehen schon zur Verfügungen. Der dafür notwendige Perspektivwechsel kann durch Pilotprojekte und Tests begleitet werden. Auch hier gilt: Nachhaltigkeit ist wichtiger als Schnelligkeit der Implementierung.
Transparenz ist nicht nur Digital! Einen Strategie der Offenheit schafft auch Orte. Warum schaffen wir keine Struktur des „Public Working“ (Analog zum Co-Working)? Also physische Raume für die Projekte die gefördert werden. Dort kann die Verwaltung mit ihnen zusammen arbeiten und die Projektverläufe fortwährend zu verfolgen. Für die Öffentlichkeit eine spannende neue Perspektive und für die Projekte eine tolle Unterstützung.
Dabei gilt natürlich immer: Öffentliche Evaluationen von Jury- oder anderen kreativen Vergabeentscheidungsprozessen müssen Standard der Kulturpolitik werden. Dadurch entstehen ganz neue Dynamiken die den Kulturbetrieb beleben. Es kann ein Wettlauf der Möglichkeiten ausgerufen werden zwischen den saturierten Häusern und Spielstätten, die vermeintlich die Lesart und den Taktstock inne haben, und den Plätzen, Technologien und Gruppen abseits dieser Zirkel. Collaboration und Teamplay ist das Gegenteil Neid und Missgunst. Zur Transparenz gehört also auch Respekt und Verständnis für die jeweiligen anderen Akteure.
Transparenz bedeutet auch Sicherheit. Sowohl für die eigenen Planungen von Projekten und Orten als auch über die Rahmenbedingungen. Heute sind die komplizierten und lähmenden Abrechnungs- und Beantragungsmodalitäten von Projekten einer der Hauptgründe überhaupt nicht am öffentlich unterstützten Kulturbetrieb teilzunehmen.
Strukturen und Institutionen scheinen sich durch ihre Verfasstheit den Nimbus des Solitärs entwickelt zu haben und sind somit nicht auf die Kollaboration und Zusammenarbeit vorbereitet und in diesem Sinne vernetzt.
Die bedingungslose Kultur der Offenheit und Transparenz der digitalen Welt muss sich in der Strategie und Meinungsfindung der Kulturpolitik widerspiegeln und den fluiden Prozessen und Akteursstrukturen ihren Raum lassen und nicht die verschiedenen Sektoren der Künste gegeneinander ausspielen. Hierfür sind Investitionen und agile Konzepte gefragt.
Dabei darf nicht gelten – das war doch schon immer so – sondern: wie wird es in der Zukunft sein? Können wir langfristig finanzierte Orte und Institutionen erhalten wenn sie permanent als ‚elitäre‘ und ‚über finanzierte‘ Institutionen in der Öffentlichkeit dargestellt werden?
Nein! Deshalb muss die offensive Forderung einer transparenten Kulturpolitik und Verwaltung die Forderung sein, den Kulturetat zu verdoppeln und dieses Geld in die digitale Kultur zu investieren.
Mitunter verhält sich die Entwicklung zwischen vermeintlicher Hochkultur und Underground wie bei Stalaktiten und Stalagmiten. Es dauert sehr lange bis sie sich näher kommen oder gar berühren. Die Geschwindigkeit steht in keinem Zusammenhang mit den Bedürfnissen der einzelnen Akteure. Hier kann die Berliner Mischung aus beidem, einzigartigem Kulturbetrieb und internationalen Akteuren, einen Grundstein legen für langfristige Projekte und Vereinbarungen. Transparenz zu leben ist hierfür ein fundamentaler Baustein. Integrierende Strukturen die für alle klare Regeln aber auch klare Möglichkeiten der Einflussnahme bieten müssen aufgebaut und etabliert werden. Die dafür notwendigen Mittel, aber auch die notwendigen Freiräume müssen den Verwaltungsmitarbeitern eingeräumt werden.
Diese neue Form des ‚Cultural Gouvernance‘ muss sich mehr an Strukturen und Anforderungen orientieren und somit einen nachhaltigen Ansatz pflegen. Dabei dürfen – ja müssen – Fehler gemacht werden dürfen um den Neuerungen und Veränderungen auch den Freiraum zu geben um sich zu entwickeln. Über die konkreten Methoden und Herangehensweisen müssen sich die Akteure in einem offenen und partizipativen Prozess verständigen.
Wenn also alle Akteure einbezogen werden. Wenn die Politik der Verwaltung den klaren Auftrag erteilt und die Ressourcen zur Verfügung stellt und Orte, Online- und Offline entstehen in denen Partizipation und Transparenz gelebt und gearbeitet werden kann, dann entsteht im besten Sinne eine neue Kulturpolitik und eine zukunftsfähige Struktur. Mag der Weg dorthin auch noch viel Zeit und Geld benötigen. Er ist alternativlos.
ANDREAS GEBHARD
ist Unternehmer in der Kreativwirtschaft und Geschäftsführer der re:publica.

[Dieser Artikel ist erstmals im ‚Kulturförderbericht 2014 des Landes Berlin‘ erschienen. Für die Erstellung hat der Autor ein Honorar erhalten.]

Mitgedacht bei: „Die Sache mit Silicon Valley und Europa“

Werde mal dem Aufruf von Nico Lumma folgen und einige Punkte ergänzen:

Man kann es für einen tollen Schachzug der SXSW halten, zum ersten Mal genau auf den Termin der CeBIT zu gehen, bzw es für eine besonders unvorsichtige Aktion der CeBIT halten diesen Termin zu nutzen (dabei ist es unerheblich wer zuerst geplant / verkündet hat) – fest steht, so schlecht stand der Hannoverevent noch nie da (was Nico sagt). Wahrscheinlich ist die Terminwahl eh nur Zufall. Mir erscheint der Vergleich der beiden nicht Millionenmetropolen (Hannover +- 500k, Austin +-800k) und ihrer Leitevents nur in geringem Maße aussagekräftig, denn in Austin ging es immer um Kulturindustrie (Film, Musik, Interactiv) und in Hannover ging es immer um Mittelstand und Industrie IT.

Beide “Welten”, die deutsche Start-Up-Kultur und das Silicon Valley, miteinander zu vergleichen ist mittlerweile eine der langweiligsten Dinge über die man sprechen kann. Nicos Ansatz, auf die EU zu schauen und hier nach Ressourcen zu suchen, um Internet-Hightechunternehmen zu entwickeln halte ich für aussichtsreicher. Dabei fehlt mir aber ein wirklich entscheidender Ansatz: es geht eigentlich immer nur um die schnell skalierenden Businessmodelle und nicht um die gesamte Infrastruktur drumherum. Es geht nicht um die Anhäufung von genug schöpferischen Potenzial oder die Anziehungskraft von Metropolen (wenn man hier Austin und Hannover vergleicht…). Berlin hat in Deutschland vielleicht einen riesigen Anteil an VC-Invests. Gegenüber Investitionen im Valley kann das nur ein marginaler Bruchteil sein (Wer das mal ausrechnen oder verlinken mag…). Der Punkt ist doch ein anderer:

Elisabeth Oberndorfer, deutschsprachige Techjournalistin im Valley fasst das gut zusammen in ihrem Artikel ‘Was ich in einem Jahr in San Francisco gelernt habe’: Europäer blicken in Schockstarre in den Westen und warten darauf, dass Silicon Valley ein Geschäftsmodell entdeckt, das Erfolg garantiert (“Looking at you, Medienbranche”). Das gibt es jedoch in keiner Industrie. Monetarisierung spielt in Tech-Unternehmen erst in einer späteren Phase eine Rolle. Und ist es soweit, funktionieren unterschiedliche Modelle für unterschiedliche Unternehmen. Kombinieren, variieren, experimentieren und bei Misserfolg noch einmal von vorne anfangen, ist wohl die einzige Methode, die man hier als Erfolgsmodell bezeichnen kann.“

Das ist für mich der zentrale Punkt (Frag mal Soundcloud, fast ein Wunder, dass es sie noch gibt), es geht in Deutschland sofort um die Verwertbarkeit im Rahmen der Start-Up-Finanzierung und nicht um die Idee und ihre Potenziale. Deshalb hängen in Deutschland auch immer die gleichen Leute auf den relevanten Events und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Große Unternehmen geben Brosamen für eine Menge Anteile an einer Idee die ihnen auf dem Silbertablett in regelmäßigen Abständen gepitcht wird.

Wenn wir unsere Internetwirtschaft also wirklich auf globales Niveau bringen wollen, bringt es nix, einem Zug der schon ewig abgefahren ist nachzulaufen. Wir brauchen ein Sofortprogramm mit öffentlichen und privaten Mitteln finanziert, aus dem Risikobereitschaft und Innovation finanziert werden kann. Die EU macht da ja erste Schritte in der Vereinfachung der Förderung. Viel wichtiger ist aber, dass unsere GründerInnen nicht nur dem Start-Up-Paradigma folgen und an jeder Ecke der coole VC finanzierten Unternehmern gehuldigt wird. Hier werden Rollenmodelle entwickelt, die eine verlorene Generation nachsichziehen können (und nebenbei einen Braindrain bei anderen lokalen Firmen auslösen).

Europa, Deutschland, Berlin oder Hamburg – alle setzen auf ein Paradigma und händigen ihre Ideen über kurz oder lang internationalen Investorengruppen aus (Frag mal bei der Noah nach, wo die dreistelligen Millionenbeträge der VC-Fonds herkommen).

Solange öffentliche Mittel in der Forschungsbürokratie, bei Standortinitiativen oder in selbstgestrickten VC-Instrumenten untergehen werden wir keinen GründerInnenfrühling bekommen sondern weiter im Dunklen sitzen. Aber wie schon Rio Reiser sang: “Wenn die Nacht am tiefsten …

Und ja, es braucht noch viele weitere Ergänzungen …

Philanthro-Capitalism, Impact Economy und die Burg

Auf Einladung von Dr. Maximilian Martin besuchte ich in den vergangenen drei Tagen die Konferenz Impact Economy Symposium 2013 “Learning from First Principles, Building the Transition Team.” Zusammen mit 40 Persönlichkeiten – Social Business Investoren & Venture Capital Firmen, Philanthrophen, Stiftern, Journalisten und MacherInnen von Social Business das schweizerische „Greifenstein Castle“ – eine Burg am Bodensee in der Nähe von St. Gallen und Bregenz.

Um es schon an dieser Stelle zu sagen: die Veranstaltung hat meine Erwartung in vielen Richtungen weit übertroffen. Ich konnte beeindruckt feststellen, dass Max es geschafft hat, eine spannende und äußerst relevante Mischung an Persönlichkeiten einzuladen wie es sonst vielleicht nur die Clinton Initiative, Davos oder die Weltbank hin bekommen. Persönlichkeiten wie Matthew Bishop, Christian Krüger (Einlader), Tim Beardson, Kieron Boyle (Head of Social Finance at the Cabinet Office UK), Philippe Lemoine, Hedda Pahlson-Moller oder Ralph Tayler bildeten eine tolle aber auch familiäre Gruppe die sich mit der Zukunft des zivilgesellschaftlichen Engagements und dessen Finanzierung auf einem globalen Level beschäftigen konnte.

Neben spannenden Vorträgen war Netzwerken das wichtigste Thema. Ich hoffen in den nächsten Tagen etwas Zeit zu finden, die wichtigsten Erkenntnisse hier zu veröffentlichen. Auf jeden Fall an dieser Stelle schon Mal sehr vielen Dank für die Einladung Max!

Mit ihm habe ich für das ‚Open Everything‘ – Magazin zum 10 Geburtstag von newthinking ein Interview gemacht:

Große Konvergenz oder heiße Luft?

Im Interview mit Dr. Maximilian Martin, Gründer und Geschäftsführer der Impact Economy SA in Lausanne, wird dem Thema nachhaltige Wertschöpfung auf den Grund gegangen. von wo kommt die Bewegung des sogenannten »Impact Investings« eigentlich? Und was genau heißt dieser neudeutsche Begriff? Wie hängt ökologisches/soziales Unternehmertum – oder Social Entrepreneurship – damit zusammen? Und was kann dieses neue Gedankengut dazu beitragen, uns zukunftsfähig zu machen?

Sie sind einer der Pioniere in Europa im Bereich Impact Investing und Social Entrepreneurship. Das sind relativ neue Ansätze. Warum brauchen wir Derartiges?

Europa hat Probleme und braucht Innovationen! Denken Sie an die Arbeitslosigkeit. Oder Herausforderungen wie die Überalterung und Fettleibigkeit mit jeweils verbundenen Gesundheits- und Betreuungsproblemen. Beträchtliche Bevölkerungsgruppen in Industrieländern leiden unter Strukturwandel und brauchen Jobs, da braucht es neue Lösungen. Gleichzeitig sehen wir aber die sinkende Finanzierbarkeit öffentlicher Güter in OECD-Staaten. Zusammen ergibt das einen enormen Innovationsbedarf, der auch finanziert werden muss. Mit Steuermitteln und privater Philanthropie alleine bekommen wir das nicht hin. Wir brauchen Investitionen, die sowohl gesellschaftliche wie ökologische Ziele erreichen, also auch finanziell Sinn machen. Da liefert Impact Investment eine Antwort. Es wird geschätzt, dass durch die Überalterung nachgefragte öffentliche Dienstleistungen bis 2025 massiv zunehmen werden. Die Lücken in der Finanzierung sind beachtlich: In Frankreich sagt Accenture fast 80 Milliarden Euro voraus, in Deutschland über 60 Milliarden, in Italien über 20 Milliarden und in Großbritannien sogar 130 Milliarden Euro! Also: Im Moment ist Impact Investment sicher noch ein innovatives Nischenthema. Aber das Thema bewegt sich in den finanziellen Mainstream. Denn so, wie wir bisher gearbeitet haben, geht es auf die Dauer nicht weiter.

Seit wann gibt es »Impact Investing«?

Eigentlich gibt es diese Idee des ökologischen und/ oder sozialen Investierens zwar schon länger, doch richtig in Gang kam die Bewegung erst in den Jahren 2007 und 2008 auf zwei Konferenzen der RockefellerStiftung. Es war kurz nach der Finanzkrise. Wir haben geahnt, dass die öffentlichen Investitionen nun aufgrund der hohen Verschuldung zurückgehen würden. Wir haben außerdem gesehen, dass die Philanthropie zu wenig Geld bewegt und oft zu wenig auf Resultate schaut. Es brauchte Lösungen, um diese Lücke zu füllen. Also haben wir damals die Idee des Impact Investing definiert und überlegt, wie wir dieses Thema voranbringen können.

Was versteht man nun genau unter »Impact Investing«, »Impact Finance«, »Social Finance« und »Social Entrepreneurship«?

Der Begriff »Impact Investing« ist aus den ebengenannten Konferenzen hervorgegangen. Die genaue Definition lautet: »Impact Investing löst soziale oder ökologische Herausforderungen/Probleme unter gleichzeitiger Erzielung finanzieller Renditen […] Impact-Investoren wollen aktiv Kapital in Fonds und Unternehmen platzieren, welche die positive Kraft des Unternehmertums nutzen.« Das Konzept wurde seitdem brillant vermarktet. »Impact Finance« und »Social Finance« sind bisher weniger gebräuchliche Begriffe für dieselbe Idee. Ich würde an dieser Stelle auch »Social Entrepreneurship« ins Spiel bringen. In der Realwirtschaft geht es Social Entrepreneurs darum, die posit ive Kraft des Unternehmertums zu nutzen, um positive soziale und/ oder ökologische Wirkung zu erzielen. Wo so viel in Bewegung ist, ist gute Navigation gefragt.

Wie passt da »Impact Economy« hinein und was sind die wichtigsten Trends?

Holistisch, mit einem Blick für die sich verschiebenden tektonischen Platten. Die Impact Economy AG ist eine Beratungsfirma für nachhaltige Strategien und Finanzdienstleistungen mit positivem Impact – der Name ist also Programm. Matthew Bishop von der Zeitschrift The Economist stellte unser Herangehen letztes Jahr wie folgt dar: »Ich mag den Namen ›Impact Economy‹, weil ihr das große Ganze berücksichtigt, statt euch nur auf eine Kategorie oder eine Anlageklasse zu fokussieren. Impact Economy befasst sich mit der Gesamtstruktur unserer Wirtschaft.«

Warum Impact Economy?

Investitionen, die sowohl finanzielle als auch Wirkungsziele verfolgen, bilden nur einen Ausschnitt von dem ab, was gerade passiert. Um gute Investitionsentscheidungen zu treffen, müssen wir neben Transaktionen selbst aber auch Trends und den Gesamtzusammenhang genau anschauen. Wir leben in einer Zeit großen strukturellen Wandels. Ein wichtiger Treiber ist Transparenz. In Genf, wo ich wohne, haben zum Beispiel dieses Jahr die beiden größten Privatbanken am Finanzplatz, Pictet und Lombard Odier, gemeinsam erklärt, dass sie den Status einer unbeschränkt haftenden Partnerschaft aufgeben werden und sich als Kommanditgesellschaften strukturieren wollen. Da wird die Transparenz stark steigen. Gleichzeitig prangern Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace Bekleidungsfirmen an und sorgen so für neue Transparenz bezüglich eingesetzter Chemikalien und anderer Missstände. Immer mehr Konsumenten sind bereit, für ethisch und ökologisch hergestellte Produkte und Dienstleistungen eine Prämie zu zahlen; das ist heute allein in den USA eine 300-Milliarden-Dollar-Industrie. Investorenpräferenzen verändern sich ebenfalls – denken Sie an die zunehmenden Anfragen institutioneller Investoren an große Firmen hinsichtlich nachhaltigen Wirtschaftens. Nachhaltigkeit und Impact werden also zum Investitionskriterium und Wettbewerbsfaktor. Anfang des Jahres war ich z. B. am World CSR Day in Indien. Dort hat die indische Regierung neu beschlossen, dass alle größeren Unternehmen in Zukunft 2 Prozent ihrer Gewinne für CSR aufwenden müssen –geschätzte 5 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Ferner erleben wir eine Neudefinition von legitimem Gewinn und Sinnhaftigkeit. In den letzten Monaten sind wieder weitere Milliardäre dem Giving Pledge Kampagne beigetreten. Diese beinhaltet ein Versprechen, zu Lebzeiten mindestens 50 Prozent seines Vermögens zu spenden. Wir haben 2011 mit dem Impact Pledge eine komplementäre Initiative geschaffen, die sich mit dem Auf bau von Strukturen beschäftigt, die effizientes und effektives Geben ermöglichen, damit möglichst viel von den Ressourcen ankommt. Wir nennen das »Impact-Infrastruktur«. Der gemeinsame Nenner aller dieser Entwicklungen ist »Impact«: etwas Positives und Relevantes mit den eingesetzten Ressourcen zu erreichen. Wir bei Impact Economy setzen uns deshalb ein für die Art von Wirtschafts- und Institutionenlandschaft, die entstehen muss, damit wir aus diesen Trends Chancen schöpfen können, anstelle mit purem Compliance-Denken und QuasiNullwachstum auf der Stelle zu treten.

Sie haben soeben »Corporate Social Responsibility« (CSR) erwähnt. Ist das nicht nur Marketing?

Wir haben zu diesem Thema gerade eine Studie online veröffentlicht (»CSR’s New Deal: A Blueprint for Your First Hundred Days in the Sustainable Capitalism«). Darin geht es um die Zukunft von CSR. Die traditionelle CSR, getrieben vor allem durch die Einhaltung von Gesetzen und Regeln, kostet Geld und verbessert im Idealfall den Ruf der Unternehmung etwas. Das wird vorbei sein. Wichtig ist, Verantwortung und Chancen vernetzt zu denken. Es gibt vielversprechende Ansätze. Diese neue CSR – wir nennenes den »CSR’s New Deal« – ist viel ambitionierter als der bisherige Ansatz. Die CSR der Zukunft ist inmitten des Kerngeschäfts und bei den Innovationstreibern von Unternehmungen angesiedelt – und nicht mehr nur eine Nebenaktivität. So können Unternehmungen neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln, zusätzliche Kundengruppen bedienen und neue Märkte erschließen. Damit wird der ökonomische Fortbestand der Unternehmung gesichert und positive soziale/ökonomische Wirkung erzielt. Das kann einen wichtigen Beitrag zu unserer Zukunftsfähigkeit leisten und ist mehr als heiße Luft.

An was arbeiten Sie im Moment?

Neben all den »ernsthaften« Aktivitäten wollen wir die Welt auch spielend verändern: Kern des Projekts ist es, einen replizierbaren Mechanismus zu entwickeln, um spendenabhängigen Top-Organisationen die Skalierung und Erweiterung ihrer Aktivitäten zu ermöglichen. Durch Ausgaben (echtes Geld) im Onlinespiel erhält die Organisation wichtige finanzielle Ressourcen: Die Spieler können einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten und lernen nebenbei spielerisch Probleme und deren Lösungen kennen. Gemeinsam mit der Organisation Riders for Health erarbeiten wir derzeit ein Spiel rund um Gesundheitsservices mit Motorrädern in Afrika. Ein Teil des online ausgegebenen Geldes – jede Woche werden immerhin 3 Milliarden Stunden mit Onlinespielen verbracht – soll so eine positive soziale/ökologische Wirkung entfalten.

Impact Economy SA

 

Berlin, Berlin – wir gründen in Berlin!

Dieser Artikel ist im newthinking Magazin ‚Open Everything‘ im Mai 2013 erschienen:

Viele gründen Start-ups in Berlin, viele Zaungäste stürzen sich darauf – aus unterschiedlichen Motiven und mit unterschiedlichen Absichten. Verhindert werden muss jedoch, dass kreatives Innovationspotenzial auf dem Weg einer Anpassung an klassische Venture-Capital-Strukturen auf der Strecke bleibt.

Worum geht es bei der Diskussion um den Start-up-Standort Berlin: Um die Stadt? Um die Community? Um den eigenen Geldbeutel? Was sind die relevanten Fragen? Züchten wir Unternehmenszombies für die vorhandenen Business-Strukturen heran? Bilden wir nicht sogar künstliche Ruinen? Prof. Dr. Kai Vöckler hat sich in seinem Buch Die Architektur der Abwesenheit. Über die Kunst, eine Ruine zu bauen mit der Kulturgeschichte der Chimäre auseinandergesetzt und kommentiert in einem Kurzgespräch:

In deinem Buch beschreibst du eine lange Tradition der nutzlosen Architektur, die allein zur Erbauung der Betrachter entwickelt wurde. Sie hat viel mit Zeitgeist und Weltbildern zu tun. Was hat es damit auf sich?

Du meinst die antikisierten künstlichen Ruinen, wie sie in den Landschaftsparks gebaut wurden. Ich würde diese nicht als nutzlos bezeichnen, denn sie dienen ja, wie du selbst sagst, der Erbauung – wie der Park auch. Ich würde sogar sagen, dass sie einen Erkenntnisgewinn versprechen, wenn man sich auf sie einlässt. Nicht nur erinnern sie an die Vergänglichkeit der Dinge und des Lebens, sondern können auch einen wichtige kulturelle Funktion haben, indem sie etwa einen Bezug zur Antike herstellen, auch wenn die Griechen und Römer nie in Kassel oder Dessau waren. Man kann das als Fake abtun, unterschätzt dann aber die wichtige sinnstiftende Wirkung solcher künstlich ruinierten Monumente.

Wie schätzt du eine neue Start-up-Kultur in Berlin und in Deutschland ein: Drohen hier, im übertragenen Sinne, nicht auch künstliche Ruinen?

Das liegt in der Natur der Sache. Nichts ist von Dauer, und manchmal stellt sich der Verfall schneller ein, als man möchte. Umso interessanter ist, dass einige Künstler und Architekten das unweigerliche Verschwinden ihrer Kunstwerke mitdenken und zum Thema machen. Das kann man von der Start-up-Kultur nun nicht erwarten, hier geht es ja um Kommerz und nicht um Kunst. Da ist jedes Scheitern natürlich unwillkommen. Künstler sehen das anders. Um Beckett zu zitieren: »Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.« [1]

Was hältst Du von einer Erweiterung der Begrifflichkeit Creative Entrepreneurship?

Den »Entrepreneur«, der sein Scheitern zum Thema macht, habe ich noch nicht kennengelernt. Der wäre wirklich etwas Neues.

Um zu scheitern, muss man erst einmal anfangen. Nur dann kann man auch verlieren. Für Berlin gilt es ja in diesen Tagen vor allem dazu zu gehören – zu dieser förderwürdigen Crowd von Gründern, die die Investoren überzeugen. Im internationalen Kontext gibt es hingegen keine Anzeichen, dass Berlin eine relevante Rolle spielt. Eine Liste des Benchmarking-Projekts Startup Genome [2] sieht erwartungsgemäß auf Platz 1 Silicon Valley, auf dem zweiten Rang folgt die israelische Metropole Tel Aviv. Auffallend viele US-amerikanische Regionen haben den Sprung in die Top Ten geschafft. Berlin landet auf Platz 15.

Die Relevanz der Berliner-Start-up-Szene steht in keinem Verhältnis zu ihrer Selbstwahrnehmung. Es scheint so, dass die Akteure den Standort sehr überschätzen und immer mehr weitere Marktteilnehmer auf diesen Zug aufspringen. Das macht aber noch keine einzige neue Firma, sondern vergrößert nur die Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion. Aus diesem Grund ist es umso entscheidender, einige Eckpunkte zu beherzigen, möchte man sich erfolgreich und fördernd in der Gründerszene bewegen.

Anstelle der Interessen von Investoren sollte insbesondere der Unternehmergeist aufstrebender Akteure gestärkt werden. Ziel sollte es sein, offene IT- und Webwelten zu stützen und keine neuen Monopole errichten zu wollen, nur weil sie den größten Profit versprechen. Berlin muss sich als Standort für ein offenes Web wahrnehmen und positionieren, denn unsere aktuellen Möglichkeiten der Kreativität strahlen weit über den engen Start-up-Horizont hinaus. Berlin ist eine DIY-Capital! Musik und Kunst sind im besten Sinne Standortfaktoren. Daher sind die Verdrängungsprozesse durch hochfinanzierte Venture-Capital- und Start-up-Unternehmen als Bedrohung der Kreativen-Ursuppe Berlins zu verstehen und verhindern (lustigerweise) die wirtschaftliche Gesundung der Stadt, denn sie sind nicht unbedingt nachhaltig oder gar fair. »Die allermeisten Start-ups verschwinden wieder«, sagt Alexander Hülsing vom Gründerszeneportal deutsche-startups.de, denn, so fährt er fort: «Die Erfahrung des Scheiterns ist Teil der Kultur.« [3]

Etliche UnternehmerInnen geben auf, wenn ihre Ideen nicht den erhofften Erfolg erbringen. Und suchen sich einen neuen Arbeitsplatz als Angestellte. In den USA scheint das anders zu sein. Wenn ein Projekt scheitert, wird ein neues in Angriff genommen, und sollte es wieder nicht funktionieren, folgt ein weiterer Versuch. Hüsing macht klar: »Wir müssen daran in Deutschland arbeiten, dass Scheitern kein Makel mehr ist.« Laut einer Studie [4] des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. (Bitkom) liegt das Durchschnittsalter von GründerInnen der IT-Branche in Deutschland bei 38 Jahren und ist damit relativ hoch. Da kann man auch sagen: Es ist noch nicht zu spät. Wichtig ist die nachhaltige Dimension des Gründens. Lieber viele kleine gesunde Unternehmen als wenige hochgezüchtete.

Das Steffi-Graf-Stadion im Berliner Grunewald (52°29’5”N 13°15’27”E) wurde 1996 erbaut und bietet Platz für über 7.000 BesucherInnen. Seit Jahren jedoch liegt es fast unbenutzt brach. Könnte es so auch der Berliner Start-up-Szene ergehen? Photo: Andrea Grützner

 

[1] Samuel Beckett: Worstward Ho, New York City 1983

[2] Joachim Hackmann in der Computerwoche vom 26.3.2013

computerwoche.de/a/wo-startups-am-besten-gedeihen,2529511

[3] Interview im Kölner Stadt-Anzeiger

ksta.de/wirtschaft/bitkom-muenchen-und-berlin-sind-startup-hauptstaedte,15187248,20801330.html

[4] bitkom.org/73980_73972.aspx

Kai Völcker kai.voeckler.de

TeBe: 111×111 Aufmacher in der FuWo!

Auf der „Startseite“ der Berichterstattung über die Berlin Liga hat heute die Fussball-Woche (Print) über unsere am Freitag beim TeBe-Spiel gegen Türkiyemspor gestartete Aktion 111×111 berichtet. Unter der Überschrift 111x111x12 = 147.852 heißt es im ersten Satz:

Tolle Idee im und ums Mommsenstadion. 111 Jahre alt wird Tennis Borussia im nächsten April. Jetzt sucht der Verein 111 Freunde und Gönner, die monatlich 111 Euro zahlen – das ein Jahr lang, macht summa summarum 147.852.

Die Einleitung zum Spieltagsbericht „Die Lage“ von Bernd Karkossa endet mit dem Vorschlag, dass man doch besser 1111 Leute finden sollte die 11 Euro zahlen um dann aber doch festzustellen:

…, woher nehmen wir die 1111? TeBe, such!

Gutes Feedback also zu unserer Aktion. Der Auftakt ist gemacht in eine schuldenfreie Zukunft von Tennis Borussia Berlin. Macht also alle mit!

Ich hätte die Fussball-Woche wirklich gerne verlinkt, aber die Webseite ist nur eine Werbeschleuder. Das geht so nicht. Na gut, den Artikel verlinke ich mal!

Ich hatte die Aktion am vergangenen Freitag vorgestellt. Bis jetzt haben schon einige Freunde und Förderer zugesagt den Verein bei der nachhaltigen Finanzplanung zu unterstützen. Das freut mich sehr!

Foto von: clastronautin

(In der gleichen Ausgabe auf Seite 3 unter der Überschrift „Herthas Schuldenberg wächst auf 41 Mio. Euro“ heißt es weiter: „Bei Hertha ist der Schuldenberg innerhalb eines Jahres offenbar um über sechs Millionen Euro angestiegen“.)