Vision einer transparenten Verwaltung

Dieser Artikel ist erstmals im ‚Kulturförderbericht 2014 des Landes Berlin‚ erschienen.

Transparenz ist der natürliche Feind der Bürokratie. Akten, Vorgänge und Vermerke bilden immer noch den Alltag in den Amtsstuben. Doch es bewegt sich was. Durch das größere Verlangen der Bürgerinnen und Bürger nach Zugang zu Informationen der öffentlichen Hand entwickelt sich ein Markt für offene Daten und mehr Transparenz. Die staatlichen Institutionen müssen lernen damit umzugehen und dürfen sich nicht verstecken – denn die Entwicklungen stehen erst am Anfang. Es bilden sich große Chancen für eine neue Epoche der Kooperation. Eine Übersicht.
Die Digitalisierung verändert jede Lebenswirklichkeit und in jede Altersklasse hinein und fragt nicht nach Kontext, Vision oder Rahmenbedingungen. Sie findet statt. Kern der Umwälzung ist die Sichtbarkeit und Verfügbarkeit von Daten, Informationen und Strukturen. Man muss die Digitalisierung nicht verstehen, während sie das eigene Leben, die Arbeitswelt und die Kultur verändert und prägt. Besser ist es, sich die Tugenden der Offenheit und Allgegenwart des digitalen zu nutze zu machen oder zumindest das Ohr auf der Schiene zu haben auf der die nächste Disruption stattfindet. Auf diese Sorte von Game Changern sind vorhandene Strukturen meist nicht vorbereitet.
Kulturfoerder
Verwaltungen sind statische Gebilde – in Form gegossene Demokratie im Wortsinn. Sie steuern und definieren Prozesse und verbindlich scheinende Abläufe für die Allgemeinheit. Durch ihre Verfasstheit und Struktur ist sie das genau Gegenteil von agilem oder veränderungs-bezogenem Handeln. Dabei ist sie ein stark handelnder Akteur, denn sie führt politische Vorgaben aus, muss aber mittel oder langfristig auch mit diesen leben können, so wie es ihren Vorgaben entspricht. Dabei bleiben Bürger und Akteure, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, schnell auf der Strecke. Die Balance zwischen Sicherheit (Verwaltung) und Flexibilität (Kreative) muss für jeden Akteur sichergestellt werden, denn nur über Planbarkeit entsteht Verbindlichkeit.
Doch was sind konkrete Schritte um mehr Transparenz und öffentliche Verfügbarkeit von Ressourcen und Angeboten der Kulturverwaltung in Berlin zu erlangen? Ein wichtiger und wegweisender Schritt ist die Veröffentlichung von Metadaten und deren Lizenzierung unter offenen Lizenzen. Auf der einen Seite sollten die Zahlen und Fakten also maschinenlesbar der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Damit können neue Visualisierungen und Darstellung und somit ein besserer Zugang für die Bürgerinnen und Bürger geschaffen werden. Auf der anderen Seite ist es jedoch wichtig, dass diese Daten auch offen und nachhaltig lizenziert sind, denn nur dann werden sich Menschen motivieren lassen, mit den Daten auch etwas zu tun. Denn nicht nur die Verfügbarkeit ist wichtig, sondern auch das klare Angebot, dass mit den Daten gearbeitet werden soll und darf. Dadurch kann ein neuer Resonanzraum zwischen der Zivilgesellschaft und der öffentlichen Hand entstehen, der Vertrauen und Verständnis auf beiden Seiten fördert.
Hierfür müssen interne Schritte der Verwaltungsspitze klar und verständlich kommuniziert werden. Nehmen sie die die Arbeit machenden MitarbeiterInnen genauso mit wie die Akteure des Handlungsfeldes in dem sie agieren. Die MitarbeiterInnen sind in der Lage als Plattform für die Bürgerinnen und Bürgern zu dienen die sich für ihre Aufgaben und Handlungen interessieren. Hier entsteht schnell Überforderung die durch gute Kommunikation verhindert werden kann.
Parallel zu der transparenteren Verwaltung gilt es neue Ansätze für die Vergabe von Mitteln der Kulturverwaltung aufzubauen. Dabei können Methoden aus dem Crowdfunding Anwendung finden. Warum werden nicht Bürgerinnen und Bürger mit in Vergabeentscheidung einbezogen? Die dafür notwendigen Onlineplattformen stehen schon zur Verfügungen. Der dafür notwendige Perspektivwechsel kann durch Pilotprojekte und Tests begleitet werden. Auch hier gilt: Nachhaltigkeit ist wichtiger als Schnelligkeit der Implementierung.
Transparenz ist nicht nur Digital! Einen Strategie der Offenheit schafft auch Orte. Warum schaffen wir keine Struktur des „Public Working“ (Analog zum Co-Working)? Also physische Raume für die Projekte die gefördert werden. Dort kann die Verwaltung mit ihnen zusammen arbeiten und die Projektverläufe fortwährend zu verfolgen. Für die Öffentlichkeit eine spannende neue Perspektive und für die Projekte eine tolle Unterstützung.
Dabei gilt natürlich immer: Öffentliche Evaluationen von Jury- oder anderen kreativen Vergabeentscheidungsprozessen müssen Standard der Kulturpolitik werden. Dadurch entstehen ganz neue Dynamiken die den Kulturbetrieb beleben. Es kann ein Wettlauf der Möglichkeiten ausgerufen werden zwischen den saturierten Häusern und Spielstätten, die vermeintlich die Lesart und den Taktstock inne haben, und den Plätzen, Technologien und Gruppen abseits dieser Zirkel. Collaboration und Teamplay ist das Gegenteil Neid und Missgunst. Zur Transparenz gehört also auch Respekt und Verständnis für die jeweiligen anderen Akteure.
Transparenz bedeutet auch Sicherheit. Sowohl für die eigenen Planungen von Projekten und Orten als auch über die Rahmenbedingungen. Heute sind die komplizierten und lähmenden Abrechnungs- und Beantragungsmodalitäten von Projekten einer der Hauptgründe überhaupt nicht am öffentlich unterstützten Kulturbetrieb teilzunehmen.
Strukturen und Institutionen scheinen sich durch ihre Verfasstheit den Nimbus des Solitärs entwickelt zu haben und sind somit nicht auf die Kollaboration und Zusammenarbeit vorbereitet und in diesem Sinne vernetzt.
Die bedingungslose Kultur der Offenheit und Transparenz der digitalen Welt muss sich in der Strategie und Meinungsfindung der Kulturpolitik widerspiegeln und den fluiden Prozessen und Akteursstrukturen ihren Raum lassen und nicht die verschiedenen Sektoren der Künste gegeneinander ausspielen. Hierfür sind Investitionen und agile Konzepte gefragt.
Dabei darf nicht gelten – das war doch schon immer so – sondern: wie wird es in der Zukunft sein? Können wir langfristig finanzierte Orte und Institutionen erhalten wenn sie permanent als ‚elitäre‘ und ‚über finanzierte‘ Institutionen in der Öffentlichkeit dargestellt werden?
Nein! Deshalb muss die offensive Forderung einer transparenten Kulturpolitik und Verwaltung die Forderung sein, den Kulturetat zu verdoppeln und dieses Geld in die digitale Kultur zu investieren.
Mitunter verhält sich die Entwicklung zwischen vermeintlicher Hochkultur und Underground wie bei Stalaktiten und Stalagmiten. Es dauert sehr lange bis sie sich näher kommen oder gar berühren. Die Geschwindigkeit steht in keinem Zusammenhang mit den Bedürfnissen der einzelnen Akteure. Hier kann die Berliner Mischung aus beidem, einzigartigem Kulturbetrieb und internationalen Akteuren, einen Grundstein legen für langfristige Projekte und Vereinbarungen. Transparenz zu leben ist hierfür ein fundamentaler Baustein. Integrierende Strukturen die für alle klare Regeln aber auch klare Möglichkeiten der Einflussnahme bieten müssen aufgebaut und etabliert werden. Die dafür notwendigen Mittel, aber auch die notwendigen Freiräume müssen den Verwaltungsmitarbeitern eingeräumt werden.
Diese neue Form des ‚Cultural Gouvernance‘ muss sich mehr an Strukturen und Anforderungen orientieren und somit einen nachhaltigen Ansatz pflegen. Dabei dürfen – ja müssen – Fehler gemacht werden dürfen um den Neuerungen und Veränderungen auch den Freiraum zu geben um sich zu entwickeln. Über die konkreten Methoden und Herangehensweisen müssen sich die Akteure in einem offenen und partizipativen Prozess verständigen.
Wenn also alle Akteure einbezogen werden. Wenn die Politik der Verwaltung den klaren Auftrag erteilt und die Ressourcen zur Verfügung stellt und Orte, Online- und Offline entstehen in denen Partizipation und Transparenz gelebt und gearbeitet werden kann, dann entsteht im besten Sinne eine neue Kulturpolitik und eine zukunftsfähige Struktur. Mag der Weg dorthin auch noch viel Zeit und Geld benötigen. Er ist alternativlos.
ANDREAS GEBHARD
ist Unternehmer in der Kreativwirtschaft und Geschäftsführer der re:publica.

[Dieser Artikel ist erstmals im ‚Kulturförderbericht 2014 des Landes Berlin‘ erschienen. Für die Erstellung hat der Autor ein Honorar erhalten.]

Berlin goes Thessaloniki

Erfahrungsbericht über die Kultur- und Kreativwirtschaft im griechischen Thessaloniki

Zwischen dem 02. – 07. Oktober 2013 war ich zusammen mit fast 20 Akteuren der Berliner Musik- und Kreativszene auf einer Delegationreise an der Bucht von Thessaloniki. Die zweitgrößte Stadt Griechenlands, ganz im Norden in Makedonien gelegen, hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Die politische Situation in der Region war mir vor dem Besuch nicht wirklich bekannt. Über die Spannungen und die Konflikte in der Region kann man Bücher schreiben. Deshalb klammere ich das mal aus. Klar ist, dass hier seit Jahrtausenden (sic!) unterschiedlicheste Einflüsse unterwegs waren.

Mal gehörte Thessaloniki zum Osmanischen Reich, dann zu Griechenland, zu Bulgarien … wer dazu mehr wissen will, sollte einfach mal bei der Wikipedia nachlesen. Die Vielfalt der Einflüsse in die Architektur der Stadt (zumindest da wo die 60er und 70er Bausünden nicht die alten Gebäude und Strukturen zerstört haben) ist sehr groß.

Über die Geschichte der letzten 30-40 Jahre, die viel mit Korruption und Vetternwirtschaft zu tun hat, haben wir bei unserem Besuch einiges erfahren. Die Poltik- und Staatsverdrossenheit vieler Leute die wir bei unserer Reise getroffen haben mag daraus resultieren. Der ehemalige Bürgermeister der Stadt wurde unlängst zu lebenslanger Haft verurteilt!

Die Stadt ist also ein Spiegelbild der griechischen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Welche Auswirkungen diese Rahmenbedingungen auf die Kulturszene in der Stadt haben war eine neue Erfahrung für mich – aber dazu später mehr. Ich war zunächst mal erfreut, dass ich an dieser Reise teilnehmen durfte, da ich schon mal vor ca. 5-6 Jahren vor Ort in Thessa war und die Stadt in guter Erinnerung behalten habe. Irgendwas ist da, was sehr attraktiv auf mich gewirkt hat und Anfang Oktober 2013 auch wieder so auf mich wirkte. Mein aktueller Eindruck war, das sich auf den ersten Blick nicht viel verändert hat. Die Lokale an der Uferpromenade sind weiterhin extrem teuer, der Mix aus überwiegend grauen Platten/Funktionsbauten mit (teil-)verfallenen älternen Gebäuden und den Bauruinen der Jahrhunderte – ein morbider Charme der viel Leerstand und somit auch viel kulturelles Entwicklungspotenzial beinhaltet.

Kern unseres Besuchs war eine zweitägige Konferenz der Konrad Adenauer Stiftung in den Räumen des Goethe Instituts Thessaloniki. Die Planung der Reise oblag der Berliner Club Commission und einigen anderen Partnern. Das Berliner Projektbüro wurde durch die WOMEX geleitet. Die Delegationsreise wurde durch die Adenauer Stiftung finanziell unterstützt (vielen Dank dafür) und war der Gegenbesuch der BerlinerInnen in Griechenland. Die Gruppe aus Thessaloniki war im Juni 2013 in Berlin gewesen und hatte hier bei uns ein umfangreiches Programm der Berliner Kulturszene vermittelt bekommen. Dafür haben sie sich in Thessaloniki mit einem auch sehr ambitionierten Programm revangiert. Meist zwischen 10 Uhr am Morgen bis 1-2 Uhr in der Nacht reihte sich ein Programmpunkt an den anderen und wir hatten kaum Zeit um Luft zu holen, geschweige denn, umfangreich über das gehörte zu reflektieren. Deshalb möchte ich in diesem ersten Beitrag zum Thema versuchen einige meiner Eindrücke zu vermitteln, damit die Zusammenarbeit in der Zukunft von möglichst guten Voraussetzungen ausgeht! Klar ist aber, dass sehr viele Aspekte und Diskussionsthemen einer eigenen Betrachtung bedürfen und ich hoffe, dass ich diese Texte auch noch schreiben werde.

Nach der Anreise am 02. Oktober wurden wir direkt von den Projektpartnern am Flughafen mit einem Bus abgeholt. Auf dem Weg in die Innenstadt war schon ein erstes Highlight für uns vorbereitet. Wir wurden im lokalen Radio durch Christos Portokaloglou nametlich und auf griechisch begrüßt und wir konnten das im Bus im Radio hören: Nice! Kaum in der Innenstadt angekommen stand zunächst ein Mittagessen auf dem Plan – dauer ca. zwei Stunden. Nach einer kurzen Pause im Hotel besuchten wir die sehr prominent im Hafen gelegene Kitchen Bar, eine große und stylische Location mit einem tollen Blick über die gesamt Bucht von Thessaloniki. Die Bar ist das Highlight auf dieser Landzunge am Hafen der Stadt. Diese Lage und die tolle Location lassen sich die Macher auch gut bezahlen vom Gast, ein 0,4l Bier kostet dort 5,80,- EUR.

Nächste Station war das Rathaus der Stadt auf der anderen Seite der Innenstadt. Eine Aufführung stand auf dem Plan, die sich in dem sehr modernen Gebäude, für uns aber nicht besonders erschlossen hat, denn sie war eher auch eine Performance in griechischer Sprache. Nach einem Abendessen war dann weit nach Mitternacht Ende mit dem ersten Tag.

Die Konferenz startet dann am Donnerstag, den 03. Oktober um 10 Uhr im Goethe Institut. Naja, sollte sie zumindest, denn bis es wirklich losging war es fast 11. Der Tag eins der Konferenz war gegliedert in fünf Paneldiskussionen. Nach den Begrüßungsreden berichteten einige aus der Berliner Delegation über den Stand des Projektes ‚ThessBerlin2021‘, unter dem das Vernetzungsprojekt zwischen der Musik- und Kreativwirtschaft in Berlin und Thessaloniki betrieben wird, über den Stand der Vernetzung und den bisherigen gemeinsamen Aktionen. Es gab also eine Rückschau auf den Besuch der GriechInnen bei uns in Berlin und Berichte u. a. der Berlin Music Commission. Dabei wurde nochmal deutlich, dass unser Besuch auch dazu dienen sollte, mit Beispielen aus Berlin wie der BMC, den Freunden in Thessaloniki Hilfestellungen bei der lokalen Organisation ihrer Szene zu geben. Bei nahezu jeder Diskussion der Konferenz wurde klar: die Fronten zwischen den Musik und Kreativschaffenden und der Politik sind sehr verhärtet. Es kam häufig zu Wortgefechten zwischen den Vertretern der Politik und Verwaltung (die sich alle sehr positiv auf die Branche bezogen haben und auch unterstützend tätig waren – u a. bei der Vorbereitung der Konferenz) und den MacherInnen aus der Kreativszene. Mehr als deutlich wurden die Vorurteile der Kreativen gegenüber der Politik – was sicher auch eine Berechtigung hat – aber eher nach hinten gerichtet erschien. Es mangelt also an vielen Stellen an Vertrauen und gegenseitigem Respekt bzw. der Abstraktion sich in den anderen hinein zu versetzen. Das ist sicher nachvollziehbar, aber nicht besonders konstruktiv wenn es um zukünftige gemeinsame Aktivitäten geht.

Ich durfte auf der Konferenz zwei Panels moderieren. Interessant daran war, dass der Begriff „Moderation“ schon sehr unterschiedlich interpretiert wurde von den griechischen und deutschen TeilnehmerInnen. Denn wo sich die griechische Seite eher um die Ansage der Rednerinnen und Redner bemühte, sah ich meine Aufgabe eher im kritischen Nachfragen und zusammenfassen. Das sorgte schon für einige Verwirrung, wenn ich zum Beispiel einen Griechen einfach mal unterbrochen habe. „Meine“ Themen waren „Europäische Fördermittelprogramme“ und „Tourismus und Festivals / Konzert“. Bei letzterem wurde besonders deutlich, wo die Probleme der Stadt liegen. Nach einem interessanten Vortrag von Anastasis Diolantzis vom Reworks Festival ereignete sich ein besonderes „Schmankerl“ über die Kommunikationskultur in der Stadt. Anastasis berichtet über Schwierigkeiten bei der Organisation des Festival. So fand am selben Tag von Reworks ein Autofreier-Tag in der Stadt statt. Das führte bei der Organisation des Events zu großen Problemen, da die Stadt mit dem Auto nicht benutzbar war. Eine bessere Abstimmung zwischen den Veranstaltern hätte bestimmt dazu geführt, dass beide Seiten eine Lösung für das Problem hätten finden können. (Grundsätzlich würde ich sagen, dass weniger Autos der Stadt sehr gut tun würden…) Einen besonderen Spin bekam dieses Beispiel jedoch dadurch, dass zum Ende des Panels der Bürgermeister Giannis Boutariszu seinem Grußwort erschien. Er bezog sich drin auf die wichtige Rolle der Beziehung zu Berlin, aber auch auf lokale Kulturprojekte. Außerdem, jetzt kommt’s, führte er ein prestige Projekt der letzten Zeit an, nämlich, dass aus der Mitte der Bevölkerung der Wunsch nach einem Autofreien-Tag gekommen sei. Diesen umzusetzen sei ein Zeichen von Bürgerbeteiligung und einer Zeitenwende in der Stadt. Die Reaktionen im Publikum (ich konnte ja alle sehe, da ich auf dem Panel saß), waren wirklich bemerkenswert. Auch Anastasis wäre fast vom Stuhl gefallen. Dieser Zufall (Boutaris konnte ja von der Diskussion im Raum vorher nichts wissen), war sowas wie eine symptomatische Blaupause der Beziehungen zwischen der Politik, der Verwaltung und den Kulturschaffenden. Dazu kommt noch ein deutlicher Generationenkonflikt innerhalb der Kulturszene. Denn klar ist, wenn man seit 20 Jahren kreative Arbeit in Thessaloniki macht hat man natürlich einen komplett anderen Blick auf die Dinge als wenn man sehr viel jünger ist und durch die aktuelle Krise mehr geprägt wurde.

Auf der Konferenz durfte ich auch noch einen kleinen Vortrag halten. Unter dem (etwas sperrigen) Titel „Digitale Gesellschaft – Plattform für kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung – Thesen zum selbstbestimmten Unternehmertum “ habe ich einige Erfahrungen aus meiner Arbeit geschildert. Das Feedback dazu war sehr positiv und hat einige Anknüpfungspunkte für eine zukunftige Zusammenarbeit geliefert. U. a. lernte ich dadurch die Macherinnen von ApoDec kennen, einem Designteam mit eigenem Studio (Cool!). Nachhaltiger war auch der Eindruck, den mein Vortrag bei dem Team vom COO hinterlassen hatte.

Bei einem privaten Streifzug durch die Stadt war ich auf der Suche nach einem Laden um was zu trinken. Ich war in der Gegend rund um unser Hotel unterwegs gewesen, dem wichtigsten Kreativquartier der Stadt. Letztlich habe ich mich zufällig für den Laden entschieden (wobei, nicht zufällig, denn ich fand ihn am interessantesten) und bin zum Tresen um etwas zu bestellen. Dort traf ich dann auf Apostolis der hinter der Bar stand. Nachdem ich meine Bestellung aufgegeben hatte, sprach er mich an und wollte sich für meinen Vortrag auf der Konferenz (am Tag zuvor) bedanken! Er war nämlich dort und hatte mich wiedererkannt. An die Bezahlung von Getränken an diesem Abend war ab sofort nicht mehr zu denken! Ich bin dann mehr als 5 Stunden bei der Crew im COO geblieben und wir haben über die unterschiedlichsten Dinge rund um die Szene in Thessaloniki gesprochen. Auch über die steuerliche Situation von Bars & Clubs und dem Verhalten der Steuerbehörden. Im COO fand an diesem Abend auch eine Party statt die wir eh als Berliner Delegation besuchen wollten. Deshalb kamen dann auch alle aus der Berliner Gruppe dort hin.

Als ich am nächsten Tag nochmal in dem Laden vorbeigegangen bin wurde mir erzählt, dass kurz nachdem wir den Laden in der Nacht verlassen hatten die Steuerprüfer im COO eingerückt sind, zwei Stunden vor Ort waren, 30 Minuten die Bar lahmgelegt haben und letztendlich ein Bußgeld über 500,- wegen falscher Belege verhängt (und gleich kassiert) haben. Eine groteske Verdichtung der Probleme die Clubs und Bars in Thessaloniki haben, über die ich an anderer Stelle gern nochmal berichten werde.

Insgesamt war die Reise für mich ein voller Erfolg. Ich konnte tolle Leute und Orte kennenlernen, insbesondere bei unserem Rundgang durch Orte der Kreativwirtschaft, bei dem wir Studios, Proberäume, Büros, Locations und Studios besuchten. Insgesamt gibt es in Thessaloniki einen wilden Szenemix aus Aufbruch, Mainstream und Tradition, bei fast immer hohen Preisen. Es herrscht viel Leerstand, was an den hohen Raumkosten für alle Akteure liegt. Dazu die Verkehrsprobleme, der beste Teil der Stadt, die Hafenpromenade, ist eine kleine Autobahn! Noch dazu gibt es einen schwierigen Mix aus Staatsverdrossenheit und Staatsgläubigkeit, insbesondere bei den älteren TeilnehmerInnen aus Thessaloniki.

Ich möchte auf jeden Fall in der Zukunft dabei helfen, dass Erfahrungen und auch Inhalte aus Berlin in Thessaloniki eine wichtigere Rolle spielen. Um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen müssen wir mehr daraus machen, wenn wir uns gemeinsam Treffen: methodisch, zielführend und mit ganz viele Spaß!

iTHINKi – Unsere ‚Little Data Company‘

Die Geschichte startet mit einer Android App mit dem Namen iTHINKi. Bitte probiert sie hier aus! Check unsere Webseite, folge uns auf Twitter oder kommt in unsere Facebook-Gruppe.

Im Moment ist iTHINKi nur ein einfaches Smartphone-Tracking-Device, aber mit einem kleinen Unterschied. Der Unterschied liegt darin, dass wir nicht vor haben, jemals Eure Daten zu tracken. Klingt komisch, klar, aber die Realität ist, dass sich Unternehmenswachstum und ‚Big Data‘ meist darum drehen, dass die Unternehmen mehr über dich wissen als du selber. Darin liegt ihr Wettbewerbsvorteil. Wir glauben, deshalb solltest Du Dich, mit unserer Technologie beschäftigen.

Unser Ziel ist es Dir die Möglichkeit zu geben, von den Daten die Du generierst zu profitieren, sie zu verstehen und Spaß damit zu haben. Wir wollen es Dir einfach machen, Deine Daten zu lesen, zu managen, zu ändern oder was immer Du damit tun möchtest. Wir bauen Tools, damit Du Deinen eigenen Datengarten abstecken kannst. Wir können andere (noch) nicht aufhalten, Deine Daten zu sammeln, aber wir können, einfach gesagt, Dir die Möglichkeit geben Deine eigenen Daten selbst bestimmt zu nutzen.

Im Moment musst Du nicht mal unsere „Terms & Conditions“ akzeptieren, denn wir haben keine – das ändert sich vielleicht mal, was wir jedoch haben und was Du von uns bekommst sind unsere Hoffnungen und Träume. Wenn es schlecht läuft, dann bleibt iTHINKi nur eine einfach Seite im Netz. Wie auch immer, wir brauchen keine Privacy Policy, denn wir wollen Deine Daten gar nicht haben. Sie bleiben bei Dir!

Wir geben Dir Werkzeuge damit Du Deine eigenen Daten befreien kannst. Du kannst sie löschen, exportieren oder speichern, wie Du magst! Genau das ist es was mit mit ‚Little Data Company‘ meinen.

Die Idee, die Bewegung, das Unternehmen bauen auf dem Versprechen unserer Ehrlichkeit. Dieses Vertrauen ist der einzige Vorteil den wir haben. Aber warum uns vertrauen? Wir haben begonnen aufgrund unserer gemeinsamen Leidenschaft für Open Source, Free Software, Mobile und Soziale Technologien. Wir glauben, dass der bessere Deal und einfachste Weg nach vorn lautet: Die Daten die Du generierst sind Deine! Wir sind auf dem Weg es Dir einfach zu machen etwas nützliches mit Deinen Daten zu tun. In der Zukunft werden wir sicherlich unabhängige Auditoren damit beschäftigen unsere Ehrlichkeit und testieren und somit Euer Vertrauen zu rechtfertigen.

Wie wollen wir die Ideen von iTHINKi realisieren? Es ist so einfach, dass wir uns wundern, dass noch niemand (den wir kennen) so etwas anbietet. Wir wollen eine Open Source Bewegung aufbauen, die die individuellen Nutzerrechte steigert und die Möglichkeit liefert, die eigenen Daten besser zu verstehen und davon selber zu profitieren – wir helfen Dir Dein digitales Leben besser zu verstehen. Trotz allem, nur weil du tippst, klickst, roamst, teilst, chattest, knipst, dich einloggst oder was immer Du Online tuest: das bedeutet noch lange nicht, dass dir deine Daten nicht gehören! Es sind Deine Daten und wir hoffen, wir können Dir helfen sie zurück zu bekommen!

First things first:

  • Alle Daten die iTHINKi für Dich sammelt gehören dir
  • die Daten bleiben auf Deinem Gerät und werden von uns nicht gelesen
  • Du kontrollierst Deine Daten
  • Du kannst sie exportieren und damit machen was du magst
  • Du entscheidest welche Informationen über Deine Daten Du haben möchtest

Aber wie werden wir damit jemals Geld verdienen? Unsere Partner, Freund und Familien fragen uns das natürlich. Also, iTHINKi, die App, wird vielleicht nie Geld verdienen, denn wir sind was Werbefinanzierung angeht zurückhaltend. Es gibt Potenzial für Premium Services, kostenlos auf Zeit oder Einmalkauf im Appstore – aber all das wird unser Userwachstum einschränken und wenn wir daran glauben, dass Informationen für den Nutzer frei zugänglich sein sollte, wären diese Wege schon sehr komisch.

Wie auch immer, vielleicht in der Zukunft … Wenn wir mal genug Nutzer haben, dann können wir Dir als Nutzer ein Angebot machen, mit dem Du vielleicht Geld verdienen kannst, in dem Du Teile Deiner Daten an den höchst bietenden verkaufen kannst. Vielleicht Anonym an Hochschulen, Unternehmen oder Start-Ups, die Dein Datenprofil interessiert und wenn Du diese Informationen mit ihnen teilen möchtest!

Im Moment haben wir keine Wahl. Deine Daten gehören Dir und wir helfen Dir, diese überhaupt erstmal kennenzulernen. Bitte probiere doch unsere App aus. Du kannst sie hier runterladen – bitte sag uns, was Du davon hältst, was Du gern an weiteren Funktionen sehen würdest damit wir eine wirklich kollaborative, dezentralisierten Service schaffen können.

Auf dem Frismakers Festival Berlin habe ich dazu auch einen 300 Sekunden Pitch gehalten. Geht besser, aber war auch der erste überhaupt!

„little data company is making use of the mindset & tools of the start up movement without aiming for VC and profit on the back of user privacy, but with the goal to empower the user instead of big companies this is digital activism applying a business mindset / with a business backbone“.

J.G. Archer, CEO & Founder: Linkedin / Twitter

Arend Jan Majoor, Founder: Linkedin / Twitter

Andreas Gebhard, Founder : Linkedin / Twitter

Mirko Boehm, CTO: Linkedin / Twitter

EndoCode, Tech Partners: Website

Der Kongress der Zukunft liegt am Bodensee

Ende Juni 2013 war ich auf einerm spannenden Tagung Think-Tank auf Schloss Wartegg. Um es gleich zu sagen, das Wetter war furchtbar. Um so besser war es, dass ich ein so tolles Team von Menschen kennenlernen durfte, die – so unterschiedlich sie auch sind – sehr schnell zu einer Einheit wurden in der wir produktiv arbeiten konnten.

Die Veranstaltung nennt sich MICE-Lab, das bedeutet ‚mice = Meeting, Incentive, Congress, Event‘. An drei Tagen konnten wir uns mit der Frage beschäftigen, wie sich die Kongresse und somit die Kongress- und Veranstaltungsbranche in den nächsten Jahren verändern wird. Eine spannende Frage, zu der wir auch einiges in unserem newthinking Magazin veröffentlicht haben. U. a. einen Artikel von Claudia Brücker.

Die gesamte Veranstaltung wurde umfangreich aufgezeichnet. Es gibt eine tolle Videogalerie und der Prozess der Diskussion soll auch noch in den nächsten Jahren weiter geführt werden. Besonders gut fand ich den Ansatz, alle Inhalt als „Open Source“ zur Verfügung zu stellen. Letztlich hat mich das überzeugt überhaupt der Einladung zu folgen. Der Trailer der Veranstaltung gibt einen guten Eindruck über die Richtung der Veranstaltung und deren Dynamik.

Jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin sollte einen Gegenstand mitbringen, der etwas mit Events zu tun hat und die Person charakterisiert. Schaut hier was ich mitgebracht habe:

Inhaltlich habe ich mich mit dem Thema digitale Teilhabe beschäftigt:

Für mich steht jetzt noch etwas Nachbereitung der Veranstaltung an und ich freue mich schon auf die nächste Auflage. Die Besucher des abschließenden Konferenztags waren übrigens auch begeistert:

Vielen Dank an alle, die das Lab ermöglicht haben und an alle TeilnehmerInnen. Ich hoffe wir sehen uns bald!

Magazin SPRINT im Supermarkt

Klasse, noch zehn Tage bis zum ersten newthinking Book SPRINT! Mit diesem Projekt (04. – 06.04.13) verwirklichen wir nun einige tolle Ideen die wir schon länger haben. Wir machen ein Magazin (welches auf der re:publica verteilt wird, an ausgewählten Kiosken, an Bahnhöfen und im Zeitschriftenhandel erhältlich ist und an Kunden von newthinking versendet wird).

Wir schenken uns dieses Magazin aber eigentlich selber zum 10. Geburtstag, denn: wir sehen das Coffee-table-book auch als ein Geburtstagsgeschenk an uns selber! Echt schön, dass sich schon fast 200 Leute zur Party angemeldet haben. Diese findet zwischen dem 21. – 23. Juni 2013 in der Willner Brauerei in Pankow statt. Aber zurück zum Sprint. Hier einige Sätze aus der Beschreibung:

Offenheit, Transparenz, Kollaboration und neue Business Modelle.
Das ist die Philosophie von newthinking. 2013 seit 10 Jahren.

Aus diesem Anlass wollen wir ein Experiment durchführen:
Ein Magazin produzieren.
In drei Tagen.
In offener Kollaboration.

Veröffentlichung auf der re:publica

Digitale Kultur, Netzpolitik, DIY, Kollaboration, Open Everything – um Themen wie diese soll es im Magazin gehen.

Doch noch ist keine Zeile geschrieben und kein Inhalt festgelegt.
All dies geschieht vor Ort während des Sprints.

Du wolltest schon immer ein Magazin machen?
Doch hattest nicht genug Ressourcen oder Mitstreiter?

Du bist Experte im Bereich DIY? Du betreibst Open Design Label? Du bist Entwickler in einem Open Source Projekt? Du bist Unternehmer und überzeugt von Open Innovation? Du bist Datenjournalist und greifst auf Open Data zurück? Du bist in Co-Working Spaces unterwegs und schwörst auf Kollaboration? Du bist in einem Start up und experimentierst mit neuen Business-Modellen?

Hier ist deine Chance:
Beteilige dich am newthinking Magazin und bringe deine Expertise und Themen ein.
Mit einem Artikel, einem Interview oder visuell.
Durch kritische Kommentare und Feedback an entstehenden Beiträgen.
Durch die Gestaltung der Inhalte.

Wir remixen also die Idee des Booksprints. Hierzu haben ich heute einen kleinen Artikel auf dem Blog ‚Rückeroberung des Öffentlichen‚ geschrieben. Bleibt mir eigentlich nur zu sagen, dass ich mich freuen würde, wenn Ihr Euch zahlreich anmeldet!

Eigene Infrastrukturen? Mangelware!

Endlich hatte ich mich im Sommer 2012 auch aufgerafft. Endlich ein eigenes Blog! Nicht nur die klaren Ansagen von Sascha auf der re:publica waren der ausschlaggebende Grund sondern das Interesse an eigenen Infrastrukturen. Gestern hat Johnny auf Spreeblick in einem eindringlichen Appell auf den gleichen Sachverhalt hingewiesen: 2013: Das Web zurückerobern, richtig so! Natürlich kann man Johnny’s Analyse nur zustimmen. Insbesondere die proprietären System sind ein großes Problem. Zur Einführung des iPads hatte ich auf ZEIT Online darauf hingewiesen und in diversen Publikationen davor und danach. Die Frage ist: was ist die Konsequenz daraus? Ich hoffe, dass wir Ende 2013 schlauer sind! Und: Ja! 2013 mehr Blogs bitte!

Video: Rück- und Ausblick Berlin Buzzwords

Neben der re:publica, dem Summit of newthinking oder dem Torstraßen Festival machen wir bei newthinking ja noch einige andere Events. Eine tolle Konferenz, die wir seit drei Jahren veranstalten ist die Berlin Buzzwords. Auf der letzen Buzzwords im Juni dieses Jahres, habe ich Alexander Oelling und Philippe Souidi ein Interview gegeben über die Konferenz und die Pläne für die Zukunft. Einiges von dem was ich dort erzähle wird zzt. auch schon umgesetzt. Dazu gibt es ganz bald weitere Informationen. But first look at this:

Andreas Gebhard from newthinking on Vimeo.

Netzaktivismus: „Warum hackt ein Hacker? – Weil er es kann.“

Über das Verhältnis von politisch aktiven Technikern und Technik nutzenden Aktivisten gibt es nicht viele Ausarbeitungen. Andreas Gebhard versucht in diesem Kommentar das Thema abzustecken und wagt einen Ausblick in die Zukunft. [Erschienen ist dieser Artikel im Märu 2011 im t3n Magazin Printausgabe und im November 2011 auch Online]

Netzaktivismus und öffentliche Einflussnahme auf das Internet finden sich regelmäßig in den Mainstream-Medien wieder. Experten streiten darin über die direkten oder indirekten Effekte der Digitalisierung auf das politische Leben. Die „Guttenberg-Generation“ mit dem Bundesverteidigungsminister als Gallionsfigur jubelt: „Twitterrevolution abgesagt, das Netz hat kaum Einfluss auf politische Prozesse“. Aber stimmt das? WikiLeaks beispielsweise ist derzeit eines der größten Themen in der internationalen Politik. Selten zuvor haben einige wenige Personen aus dem Hackeruniversum so stark die Medien bestimmt. Nur: Gibt es „den“ Hacker überhaupt?

Kampf um Freiheiten

„Warum hackt ein Hacker? – Weil er es kann.“ Mit diesem Kalauer sieht sich jeder früher oder später konfrontiert, der sich näher mit der „Macht der Hacker“ auseinandersetzt. So salopp und einfach das klingen mag, gibt es mehr Aufschluss über die Kultur, die Beweggründe für digitalen Aktivismus oder das Web, als es zunächst den Anschein hat.

Kern jeder netzpolitischen Auseinandersetzung der letzten Jahre und Jahrzehnte ist der Kampf um Freiheiten: Freiheit des Ausdrucks, Freiheit der Anwendung von Können sowie die Kultur des freien Umgangs mit Wissen und Inhalten. Diese Diskussionen haben ihren Ursprung in dem menschlichen Grundbedürfnis, jederzeit die Kontrolle über die Maschinen zu bewahren und sind tief in der Hacker-Ethik verankert. Sie sind somit ähnlich konstitutiv für diese Szene wie die Ökologie für die Grünen.

Politische Prozesse und Entscheidungen beeinflussen von jeher die gesellschaftliche Agenda und somit auch die der technologischen Eliten. Aber auch das Private, also die persönliche Einmischung, ist schon immer politisch.

Open Source ist längst Mainstream

Durch die explosionsartige Verbreitung von günstiger technischer Ausstattung ist ein Punkt erreicht, der eine gesamte Generation in die Lage versetzen könnte, direkten Einfluss auf technische Innovationen zu nehmen. Doch hat sich die Lage in den letzten Jahren dramatisch geändert. Die permanente Open-Source-Revolution ist längst Bestandteil des Mainstream-Innovationsprozesses. Sie hat zwar selbst diese wirtschaftliche Aneignung umwerfend gut überlebt, doch sehen sich die Protagonisten einem Gegner gegenüber, der mit den eigenen Mitteln zu kämpfen weiß.

Ganz gut lässt sich die Demarkationslinie vielleicht zwischen „finanzschwachen Nerds mit guten Ideen“ und „finanzstarken Nerds, die sich alles herausnehmen können“ ziehen. Die Erstgenannten kämpfen mit den unterschiedlichsten Mitteln gegen Zensur, für Netzneutralität oder an der Seite des Time-Magazine-Coverboy Julian Assange für WikiLeaks. Die anderen, die die Seite gewechselt haben, arbeiten für die großen Medienhäuser und Unternehmen der IT-Brachen und haben ihr Wissen und ihre Macht somit „der anderen Seite“ zur Verfügung gestellt. Ein gutes aktuelles Beispiel ist hier die Gegenüberstellung der Macher von WikiLeaks und Facebook.

Open-Source-Bewegung, die dritte

Die Geschichte der Open-Source-Bewegung lässt sich wiederum ganz grob in drei Generationen einteilen. Die erste, mit Freier Software und Vorgängermodellen aufgewachsene Generation, die die grundlegende Aneignung der technischen Ressourcen vorantrieb (in etwa bis zur Einführung von Linux). Eine zweite Generation, die mit Begriffen wie Open Source arbeitend dem kommerziellen Erfolg offener Ansätze zum Durchbruch verholfen hat (in etwa bis zur Einführung von Android). Sowie einer dritten, irgendwann rund um 1990 geborenen Generation von technik-affinen Menschen, die in den letzten Jahren die Welt der Cloud und des „Echtzeitnetzes“ übernommen hat.

Somit kommen drei Entwicklungen zusammen, die bei der Betrachtung des aktuellen Netzaktivismus berücksichtigt werden müssen: die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Technik und Internetzugang, die Spaltung der Szene in „gut & böse“ und der aufkommende Generationenkonflikt in der Szene.

Die klassische Aufteilung in Hacker und Nicht-Hacker funktioniert nicht mehr, wenn die klassische Technikwelt allen durch Angebote zur Verfügung steht. Das gilt natürlich in erster Linie für den freien Austausch von Information, aber auch in Ansätzen schon heute für politische Intervention à la „Operation Payback“, bei der Hacker all jene Unternehmen ins Visier nahmen, die WikiLeaks die Unterstützung entzogen hatten.

Die „Neo-Nerd-Gesellschaft“

Doch ist die Kluft zwischen den politisch Handelnden und der „Neo-Nerd-Gesellschaft“ noch sehr groß. Dass das Problem einer potenziell mächtigen Generation in der Findungsphase durch die aktuelle Politikerriege erkannt ist, zeigen die unzähligen runden Tische und Enquete-Kommissionen, in denen die „Netz-Community“ in politische Prozesse eingebunden werden soll – Ausgang unbekannt. Man kann aber davon ausgehen, dass weder der Kampf gegen Zensur noch für Netzneutralität und Meinungsfreiheit in diesen Runden gewonnen wird.

In Deutschland hat die Debatte unfreiwillig komische Züge. Ironischerweise haben wir es hier mit einer zweifachen Generation Gut(t)enberg zu tun. Auf der einen Seite die smarten Pragmatiker wie Philipp Rösler oder Karl-Theodor zu Guttenberg, die mit viel Verve die Politiklandschaft aufrollen. Auf der anderen Seite die Verleger als Nachfahren des Druckerpresse-Erfinders Johannes Gutenberg. Beide haben einen konservativen Mainstream geformt mit ihrem Geld, den Beziehungen und Denkschablonen – natürlich auf ihre individuelle Weise. Doch stehen sie beide den Freiheiten und der Macht des „Machen könnens“ diametral entgegen.

Manche haben in den letzten Jahren versucht, die politische Landkarte durch die Unterstützung der Piratenpartei zu verändern. Möglich, dass das Aufkommen dieses Phänomens zu einem ersten Aufhorchen im etablierten Politikbetrieb geführt hat. Kritisch betrachtet könnte man diese Entwicklung aber auch als letztes Aufbäumen einer Hackerkultur interpretieren, die in ihrer Homogenität schon nicht mehr den gesellschaftlichen Realitäten entsprach.

Die klassische erste und zweite Open-Source-Generation muss begreifen, dass die millionenfache Nutzung von offenen Technologien dazu geführt hat, dass die Netzwelt weniger monopolistisch ist als vielfach befürchtet. Der Dreiklang „Erkennen, Vernetzen, Handeln“ sollte um einen Wissens- und Wertschätzungskanon gegenüber anderen digitalen Biographien ergänzt werden. Nur so immunisiert man sich gegenüber aktuellen Herausforderungen und steht nicht auf einmal auf einer Seite mit Häuserverpixlern und Facebookbashern, sondern kann sowohl intellektuelle als auch technologische Alternativen bieten.

Für eine neue Kollaborationskultur

Wenn es also in der Zukunft gelingen könnte, Akteure unterschiedlicher digitaler Lebensaspekte unter einem Dach zu vereinen und das über Generationen hinweg, entstünde eine neue Form der Emanzipation des Einzelnen, die weit über vergangene Vereins-, Gruppen- oder Parteistrukturen hinaus gesellschaftliche Relevanz und Strahlkraft erzielen könnte.

Die Auseinandersetzung über die Kontrolle des Netzes und der technischen Infrastrukturen hat erst begonnen und die Chancen stehen gut, mit einer bedingungslosen Kultur der Offenheit auch in 20 Jahren noch sagen zu können: Offen ist gut, frei ist besser.

(Lizenz: CC-BY)