Vom Patchwork zum Mosaik – Eine subjektive Analyse der urbanen Entwicklungsmöglichkeiten Detroits

So dezentrale und unübersichtlich wie die Strukturen des „Newdetroit“ sind auch die Perspektiven auf die Stadt und ihre Entwicklungspotenziale. Hier steht exemplarisch das Silo-denken des 20. Jahrhunderts mit Fordismus und Automobilität gegen das Patchwork der Crowd- und Communityökonomie des 21. Jahrhunderts.
Die Highways, die riesigen und rissigen Straßen, verknüpfen zwar die neuen Orte der Kreativszene, sie vermögen es aber nicht diese wirklich miteinander zu verbinden. Die Distanz bleibt trotz des ähnlichen Grooves der Projekte eines der größten Probleme. Dies ist in der Stadtstruktur begründet, die außer einem stark eingeschränkten Bussystem und dem „Peoplemover“ keinen Nahverkehr kennt. Matthias Heumeier beschreibt diese in seiner Arbeit „Urbane Transformation: Formen der Raumartikulation in Detroit“ als Wirklichkeitsmanipulator Auto:

„Die Stadt ist in einer kognitiven Schleife gefangen, in der sie aus der motorisierten Wahrnehmungseinstellung des Autofahrers zu einem Nicht-Ort (vgl. Augè 1994), einem Ort des Transits und der Durchreise verkommt. Konsummöglichkeiten gibt es häufig nur entlang der Straße, wer sich willkürlich von den Verkehrsachsen entfernt, begibt sich auf unsicheres Terrain. Die Fahrgeschwindigkeit erzeugt eine Art Schutzschild (Feldnotizbuch: 61), Orte an denen die Geschwindigkeit reduziert wird, an denen Pendler ihre Transportkapseln verlassen und einen Fuß in die Stadt setzen (Tankstellen, Ampeln, usw.), werden zu Orten von Skepsis und Angst.
Wer nicht auf der Suche nach etwas Bestimmten ist oder den Kick als Identifikationsangebot benötigt („I’m so bad, I party in Detroit“, vgl. Herron 2004), hat wenig Gründe sich in der Stadt aufzuhalten. Highways, deren Erbauung überdies vibrierende Wohnviertel zum Opfer fielen, steigern diese Eigenschaft, indem sie die Reisezeit weiter verkürzen und die Wahrnehmung von Zeit und Raum verzerren. Sie rücken die Peripherie noch dichter an das Zentrum und sind, obwohl sie die Stadt unmittelbar durchdringen, am wenigsten Teil von ihr. Bei 70 mph schirmen die Fahrzeuge ihre Insassen mit maximaler Isolationskraft von der Außenwelt ab.
Die fehlende Bewegung abseits der Hauptstraßen und Highways degradiert weite Teile der Stadt zu einem Transitraum, aus der Wahrnehmung Detroits aus dem heraus Auto entsteht der Eindruck einer entleerten Stadt.
Das Auto ist in dieser Hinsicht auf doppelte Weise an der Transformation von Stadt beteiligt: Einmal auf der performativen Ebene, insofern als dass es Verkehr und Bewegung auf bestimmte Teile der Stadt konzentriert, andererseits aber auch als Wahrnehmungsmanipulator, dessen Benutzung zu einem kognitiv verzerrten Stadtbild führt.“

Downtown Detroit mit seinen Wolkenkratzern bildet nur ca. 4% der Gesamtfläche der Stadt. Detroit erscheint also als nicht begehbare Stadt. Wer nicht mit dem Auto fahren kann, ist auf das löchrige und immer weiter gekürzte Bussystem angewiesen. Und die Hipster fahren mit dem Rad. Der Peoplemover ist ein schlechter ÖPNV-Witz, denn er fährt zwar, zum einen aber im Kreis und dies nur wenige Meilen und zum anderen, weil er gerade an der einzigen Stelle – in Downtown, an der Laufen und miteinander in Kontakt kommen möglich ist – die Menschen hiervon abhält. Eine wirkliche und nachhaltige Verbesserung der Nahverkehrsstrukturen wird es nur geben, wenn die lange geplanten Straßenbahnlinien endlich gebaut werden und darüber hinaus noch viele Bahnlinien mehr.
Die Probleme werden jedeR DetroitbesucherIn spätestens am Flughafen bewusst. Es gibt keine Zugverbindung zur Innenstadt. Mit dem Bus dauert es mit Umsteigen mehr als 2 Stunden in die Innenstadt (22 Meilen!). So muss man mit dem Taxi oder Shuttle fahren. Günstigste Variante $50,-.
Hintergrund meiner Reise nach Detroit war die Einladung von Dimitri Hegemann an einer Veranstaltung im MOCAD teilzunehmen. Der Hintergrund der Story beginnt mit dieser einfachen Gleichung: Berlin hatte in den Anfang 90iger Jahren viel Kaputtes und Freiraum. Gleiches gilt heute (und schon so lange) für Detroit. In diesen Tagen des ausgehenden 20. Jahrhunderts war es dann eine bestimmte Sorte Musik, die in Berlin für sehr viel Aufmerksamkeit und noch mehr Partyspaß gesorgt hat: Techno. Speziell auch aus Detroit. Heute nun, mehr als 20 Jahre später, hat sich die Kultur- und Kreativwirtschaft in Berlin prächtig entwickelt. Und Detroit? Dort sind die Strukturen für Kreativität zwar besser geworden. Aber irgendwie macht sich bei einem Besuch doch das Gefühl von Stillstand breit, der überwunden werden kann. Hier setzte nun die Delegationsreise an, an der neben mir noch ca. 10 weitere Personen teilgenommen haben. „Detroit-Berlin Connection – Conference for Subcultural Exchange and Urban Development“ war der etwas großspurige Titel für einen halbtägige Veranstaltung mit Kurzpräsentationen und einer sehr spannenden Podiumsdiskussion. Eine gute Zusammenfassung dieser Veranstaltung hat Walter Wasacz, einer unserer Ansprechpartner vor Ort verfasst.

Wir BerlinerInnen waren uns alle einige, dass es eine gefühlte Achse Berlin Detroit gibt, die aus dieser langen musikalischen Verbundenheit herrührt. Das führte zu einigen ergreifenden Momenten bei der Paneldiskussion, in der man diese Verbundenheit fast körperlich spüren konnte. Allen war klar: wir wollen etwas zurückgeben für die tollen Entwicklungsmöglichkeiten, die Berlin durch die Musik aus Detroit bekommen hat. In den nächsten Monaten wollen wir und auch ich daran arbeiten, wie dies funktionieren kann. Ein Interview, das ich der Berliner Zeitung gegeben habe, weist schon in eine Richtung: Darin fordere ich u.a. eine Diskussion über eine Städtepartnerschaft Detroit Berlin.
Wie jede Delegationsreise tauchen auch bei dieser Fragen auf. Einige Fragen sich: „Wer hat das bezahlt?“ (wir selber!) andere: „Was sind die Resultate?“. Letzteres ist schon nicht mehr so eindeutig zu beantworten, denn in nur einer Woche und mit dem eher exklusiven Zugang zu Personen und Orten ist eine objektive Übersicht erst einmal schwierig. Natürlich die Besuche an der Packard Fabrik („Architekt war wiederum Albert Kahn. Dieses Gebäude Nr. 10 gilt als weltweit erste Fabrik in Eisenbeton-Bauweise. Kahn revolutionierte damit die Konstruktion von Fabriken und Produktionsbetrieben.[30]“), die seit den 60er Jahren stillgelegt ist; beim Heidelberg Project oder im hippen neuen Restaurant Craft Work waren beeindruckend. Ob im Tech Shop, im viel zitierten Ponyride, der Detroitrevitalisierungslegende Phil Cooley, beim Movement Festival, bei der Tech Week, der Feier, die ich zu meinem Geburtstag aufgesucht habe, bei der Carl Craig (Carl Craig returns to Motor City Wine for an intimate performance) @Motorcitywine aufgelegt hat oder beim Brunch mit Jeff Mills, Mike Banks und vielen anderen – Eindrücke und spezielle Perspektiven allenthalben. Natürlich umrahmt von der allgegenwärtigen zerstörten Struktur der Stadt, wie man sie aus unzähligen Dokumentationen kennt oder aus dem Jim Jarmusch Film: „Only Lovers Left Alive“.

Was bleibt? Erstmal die große Herzlichkeit, mit der wir aufgenommen worden sind. Das verstörende Gefühl nicht zu wissen wo man anfangen soll die verschiedenen Perspektiven auf diese Stadt aufzuzählen. Der Umfang einer zeitgemäßen Erzählung über das heutige Detroit geht auf jeden Fall weit über die umfangreichen, aber oft oberflächlichen, Betrachtungen in den Medien hinaus. Es schient, als gäbe es dutzende Zugänge zu dieser Stadt. Für einen Einstieg kann man sicher den Artikel von Tina Kaiser nutzen „Nach der Pleite erobern Hipster Detroit für sich“ oder Bilder von Josef Cramer doch bleiben diese an der Oberfläche.

Was fehlt ist die integrierte Story, die positive Erzählung des amerikanischen „Comeback Kid“ Detroit, die im besten Sinne alle Perspektiven beinhaltet. Die allgegenwärtigen Segregation, die mich zu der Vermutung geführt hat, dass die schwarze Bürgerrechtsbewegung der 60er und 70er Jahre an Detroit vorbeigegangen sein muss, die Leere und Größe des Raums und damit alle Mobilitäts- und städtebaulichen Aspekte. Aber auch die Rolle von Staat und Kirche in der Stadt: „28 Jahre Haft für den Ex-Bürgermeister von Detroit“ müssen berücksichtigt werden. Die hohe Kriminalitätsrate, die seit den 60er Jahren einsam die US-Mordrangliste anführt, aber innere Ursachen zu haben scheint in dem fordistischen-amerikanischen Traum. Oder gibt es vielleicht diesen Zusammenhang: Wenn sich alle in ihrem Auto verbarrikadieren, dann sinkt die Hemmschwelle für gewaltsame Reaktion auf Nichtigkeiten rapide?
Die Kultur der Improvisation in der Stadt, der aktuelle Boom der Start-Up-Kultur oder die vielen Grassroot-Projekte, die über die Stadt verteilt sind, prägen weitere Perspektiven. Und natürlich die Musik, ob Jazz, Motown oder Detroit Techno – sie kommen viel zu wenige vor in der Narration Detroit.
Erst wenn die Patches des Flickenteppichs in der Stadt zu einem zusammenhängenden Mosaik werden und mehr Menschen von Außen die Stadt erleben und lieben lernen, können substanzielle Fortschritte erzielt werden. Es ist ein langer Weg auf den wir uns gemacht haben, aber um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, braucht man einen langen Atem. Happy Locals fallen nicht vom Himmel, aber ein Direktflug von Berlin nach Detroit wäre schon mal ein Anfang: Herr Mehdorn übernehmen sie (sic!).

Berlin goes Thessaloniki

Erfahrungsbericht über die Kultur- und Kreativwirtschaft im griechischen Thessaloniki

Zwischen dem 02. – 07. Oktober 2013 war ich zusammen mit fast 20 Akteuren der Berliner Musik- und Kreativszene auf einer Delegationreise an der Bucht von Thessaloniki. Die zweitgrößte Stadt Griechenlands, ganz im Norden in Makedonien gelegen, hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Die politische Situation in der Region war mir vor dem Besuch nicht wirklich bekannt. Über die Spannungen und die Konflikte in der Region kann man Bücher schreiben. Deshalb klammere ich das mal aus. Klar ist, dass hier seit Jahrtausenden (sic!) unterschiedlicheste Einflüsse unterwegs waren.

Mal gehörte Thessaloniki zum Osmanischen Reich, dann zu Griechenland, zu Bulgarien … wer dazu mehr wissen will, sollte einfach mal bei der Wikipedia nachlesen. Die Vielfalt der Einflüsse in die Architektur der Stadt (zumindest da wo die 60er und 70er Bausünden nicht die alten Gebäude und Strukturen zerstört haben) ist sehr groß.

Über die Geschichte der letzten 30-40 Jahre, die viel mit Korruption und Vetternwirtschaft zu tun hat, haben wir bei unserem Besuch einiges erfahren. Die Poltik- und Staatsverdrossenheit vieler Leute die wir bei unserer Reise getroffen haben mag daraus resultieren. Der ehemalige Bürgermeister der Stadt wurde unlängst zu lebenslanger Haft verurteilt!

Die Stadt ist also ein Spiegelbild der griechischen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Welche Auswirkungen diese Rahmenbedingungen auf die Kulturszene in der Stadt haben war eine neue Erfahrung für mich – aber dazu später mehr. Ich war zunächst mal erfreut, dass ich an dieser Reise teilnehmen durfte, da ich schon mal vor ca. 5-6 Jahren vor Ort in Thessa war und die Stadt in guter Erinnerung behalten habe. Irgendwas ist da, was sehr attraktiv auf mich gewirkt hat und Anfang Oktober 2013 auch wieder so auf mich wirkte. Mein aktueller Eindruck war, das sich auf den ersten Blick nicht viel verändert hat. Die Lokale an der Uferpromenade sind weiterhin extrem teuer, der Mix aus überwiegend grauen Platten/Funktionsbauten mit (teil-)verfallenen älternen Gebäuden und den Bauruinen der Jahrhunderte – ein morbider Charme der viel Leerstand und somit auch viel kulturelles Entwicklungspotenzial beinhaltet.

Kern unseres Besuchs war eine zweitägige Konferenz der Konrad Adenauer Stiftung in den Räumen des Goethe Instituts Thessaloniki. Die Planung der Reise oblag der Berliner Club Commission und einigen anderen Partnern. Das Berliner Projektbüro wurde durch die WOMEX geleitet. Die Delegationsreise wurde durch die Adenauer Stiftung finanziell unterstützt (vielen Dank dafür) und war der Gegenbesuch der BerlinerInnen in Griechenland. Die Gruppe aus Thessaloniki war im Juni 2013 in Berlin gewesen und hatte hier bei uns ein umfangreiches Programm der Berliner Kulturszene vermittelt bekommen. Dafür haben sie sich in Thessaloniki mit einem auch sehr ambitionierten Programm revangiert. Meist zwischen 10 Uhr am Morgen bis 1-2 Uhr in der Nacht reihte sich ein Programmpunkt an den anderen und wir hatten kaum Zeit um Luft zu holen, geschweige denn, umfangreich über das gehörte zu reflektieren. Deshalb möchte ich in diesem ersten Beitrag zum Thema versuchen einige meiner Eindrücke zu vermitteln, damit die Zusammenarbeit in der Zukunft von möglichst guten Voraussetzungen ausgeht! Klar ist aber, dass sehr viele Aspekte und Diskussionsthemen einer eigenen Betrachtung bedürfen und ich hoffe, dass ich diese Texte auch noch schreiben werde.

Nach der Anreise am 02. Oktober wurden wir direkt von den Projektpartnern am Flughafen mit einem Bus abgeholt. Auf dem Weg in die Innenstadt war schon ein erstes Highlight für uns vorbereitet. Wir wurden im lokalen Radio durch Christos Portokaloglou nametlich und auf griechisch begrüßt und wir konnten das im Bus im Radio hören: Nice! Kaum in der Innenstadt angekommen stand zunächst ein Mittagessen auf dem Plan – dauer ca. zwei Stunden. Nach einer kurzen Pause im Hotel besuchten wir die sehr prominent im Hafen gelegene Kitchen Bar, eine große und stylische Location mit einem tollen Blick über die gesamt Bucht von Thessaloniki. Die Bar ist das Highlight auf dieser Landzunge am Hafen der Stadt. Diese Lage und die tolle Location lassen sich die Macher auch gut bezahlen vom Gast, ein 0,4l Bier kostet dort 5,80,- EUR.

Nächste Station war das Rathaus der Stadt auf der anderen Seite der Innenstadt. Eine Aufführung stand auf dem Plan, die sich in dem sehr modernen Gebäude, für uns aber nicht besonders erschlossen hat, denn sie war eher auch eine Performance in griechischer Sprache. Nach einem Abendessen war dann weit nach Mitternacht Ende mit dem ersten Tag.

Die Konferenz startet dann am Donnerstag, den 03. Oktober um 10 Uhr im Goethe Institut. Naja, sollte sie zumindest, denn bis es wirklich losging war es fast 11. Der Tag eins der Konferenz war gegliedert in fünf Paneldiskussionen. Nach den Begrüßungsreden berichteten einige aus der Berliner Delegation über den Stand des Projektes ‚ThessBerlin2021‘, unter dem das Vernetzungsprojekt zwischen der Musik- und Kreativwirtschaft in Berlin und Thessaloniki betrieben wird, über den Stand der Vernetzung und den bisherigen gemeinsamen Aktionen. Es gab also eine Rückschau auf den Besuch der GriechInnen bei uns in Berlin und Berichte u. a. der Berlin Music Commission. Dabei wurde nochmal deutlich, dass unser Besuch auch dazu dienen sollte, mit Beispielen aus Berlin wie der BMC, den Freunden in Thessaloniki Hilfestellungen bei der lokalen Organisation ihrer Szene zu geben. Bei nahezu jeder Diskussion der Konferenz wurde klar: die Fronten zwischen den Musik und Kreativschaffenden und der Politik sind sehr verhärtet. Es kam häufig zu Wortgefechten zwischen den Vertretern der Politik und Verwaltung (die sich alle sehr positiv auf die Branche bezogen haben und auch unterstützend tätig waren – u a. bei der Vorbereitung der Konferenz) und den MacherInnen aus der Kreativszene. Mehr als deutlich wurden die Vorurteile der Kreativen gegenüber der Politik – was sicher auch eine Berechtigung hat – aber eher nach hinten gerichtet erschien. Es mangelt also an vielen Stellen an Vertrauen und gegenseitigem Respekt bzw. der Abstraktion sich in den anderen hinein zu versetzen. Das ist sicher nachvollziehbar, aber nicht besonders konstruktiv wenn es um zukünftige gemeinsame Aktivitäten geht.

Ich durfte auf der Konferenz zwei Panels moderieren. Interessant daran war, dass der Begriff „Moderation“ schon sehr unterschiedlich interpretiert wurde von den griechischen und deutschen TeilnehmerInnen. Denn wo sich die griechische Seite eher um die Ansage der Rednerinnen und Redner bemühte, sah ich meine Aufgabe eher im kritischen Nachfragen und zusammenfassen. Das sorgte schon für einige Verwirrung, wenn ich zum Beispiel einen Griechen einfach mal unterbrochen habe. „Meine“ Themen waren „Europäische Fördermittelprogramme“ und „Tourismus und Festivals / Konzert“. Bei letzterem wurde besonders deutlich, wo die Probleme der Stadt liegen. Nach einem interessanten Vortrag von Anastasis Diolantzis vom Reworks Festival ereignete sich ein besonderes „Schmankerl“ über die Kommunikationskultur in der Stadt. Anastasis berichtet über Schwierigkeiten bei der Organisation des Festival. So fand am selben Tag von Reworks ein Autofreier-Tag in der Stadt statt. Das führte bei der Organisation des Events zu großen Problemen, da die Stadt mit dem Auto nicht benutzbar war. Eine bessere Abstimmung zwischen den Veranstaltern hätte bestimmt dazu geführt, dass beide Seiten eine Lösung für das Problem hätten finden können. (Grundsätzlich würde ich sagen, dass weniger Autos der Stadt sehr gut tun würden…) Einen besonderen Spin bekam dieses Beispiel jedoch dadurch, dass zum Ende des Panels der Bürgermeister Giannis Boutariszu seinem Grußwort erschien. Er bezog sich drin auf die wichtige Rolle der Beziehung zu Berlin, aber auch auf lokale Kulturprojekte. Außerdem, jetzt kommt’s, führte er ein prestige Projekt der letzten Zeit an, nämlich, dass aus der Mitte der Bevölkerung der Wunsch nach einem Autofreien-Tag gekommen sei. Diesen umzusetzen sei ein Zeichen von Bürgerbeteiligung und einer Zeitenwende in der Stadt. Die Reaktionen im Publikum (ich konnte ja alle sehe, da ich auf dem Panel saß), waren wirklich bemerkenswert. Auch Anastasis wäre fast vom Stuhl gefallen. Dieser Zufall (Boutaris konnte ja von der Diskussion im Raum vorher nichts wissen), war sowas wie eine symptomatische Blaupause der Beziehungen zwischen der Politik, der Verwaltung und den Kulturschaffenden. Dazu kommt noch ein deutlicher Generationenkonflikt innerhalb der Kulturszene. Denn klar ist, wenn man seit 20 Jahren kreative Arbeit in Thessaloniki macht hat man natürlich einen komplett anderen Blick auf die Dinge als wenn man sehr viel jünger ist und durch die aktuelle Krise mehr geprägt wurde.

Auf der Konferenz durfte ich auch noch einen kleinen Vortrag halten. Unter dem (etwas sperrigen) Titel „Digitale Gesellschaft – Plattform für kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung – Thesen zum selbstbestimmten Unternehmertum “ habe ich einige Erfahrungen aus meiner Arbeit geschildert. Das Feedback dazu war sehr positiv und hat einige Anknüpfungspunkte für eine zukunftige Zusammenarbeit geliefert. U. a. lernte ich dadurch die Macherinnen von ApoDec kennen, einem Designteam mit eigenem Studio (Cool!). Nachhaltiger war auch der Eindruck, den mein Vortrag bei dem Team vom COO hinterlassen hatte.

Bei einem privaten Streifzug durch die Stadt war ich auf der Suche nach einem Laden um was zu trinken. Ich war in der Gegend rund um unser Hotel unterwegs gewesen, dem wichtigsten Kreativquartier der Stadt. Letztlich habe ich mich zufällig für den Laden entschieden (wobei, nicht zufällig, denn ich fand ihn am interessantesten) und bin zum Tresen um etwas zu bestellen. Dort traf ich dann auf Apostolis der hinter der Bar stand. Nachdem ich meine Bestellung aufgegeben hatte, sprach er mich an und wollte sich für meinen Vortrag auf der Konferenz (am Tag zuvor) bedanken! Er war nämlich dort und hatte mich wiedererkannt. An die Bezahlung von Getränken an diesem Abend war ab sofort nicht mehr zu denken! Ich bin dann mehr als 5 Stunden bei der Crew im COO geblieben und wir haben über die unterschiedlichsten Dinge rund um die Szene in Thessaloniki gesprochen. Auch über die steuerliche Situation von Bars & Clubs und dem Verhalten der Steuerbehörden. Im COO fand an diesem Abend auch eine Party statt die wir eh als Berliner Delegation besuchen wollten. Deshalb kamen dann auch alle aus der Berliner Gruppe dort hin.

Als ich am nächsten Tag nochmal in dem Laden vorbeigegangen bin wurde mir erzählt, dass kurz nachdem wir den Laden in der Nacht verlassen hatten die Steuerprüfer im COO eingerückt sind, zwei Stunden vor Ort waren, 30 Minuten die Bar lahmgelegt haben und letztendlich ein Bußgeld über 500,- wegen falscher Belege verhängt (und gleich kassiert) haben. Eine groteske Verdichtung der Probleme die Clubs und Bars in Thessaloniki haben, über die ich an anderer Stelle gern nochmal berichten werde.

Insgesamt war die Reise für mich ein voller Erfolg. Ich konnte tolle Leute und Orte kennenlernen, insbesondere bei unserem Rundgang durch Orte der Kreativwirtschaft, bei dem wir Studios, Proberäume, Büros, Locations und Studios besuchten. Insgesamt gibt es in Thessaloniki einen wilden Szenemix aus Aufbruch, Mainstream und Tradition, bei fast immer hohen Preisen. Es herrscht viel Leerstand, was an den hohen Raumkosten für alle Akteure liegt. Dazu die Verkehrsprobleme, der beste Teil der Stadt, die Hafenpromenade, ist eine kleine Autobahn! Noch dazu gibt es einen schwierigen Mix aus Staatsverdrossenheit und Staatsgläubigkeit, insbesondere bei den älteren TeilnehmerInnen aus Thessaloniki.

Ich möchte auf jeden Fall in der Zukunft dabei helfen, dass Erfahrungen und auch Inhalte aus Berlin in Thessaloniki eine wichtigere Rolle spielen. Um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen müssen wir mehr daraus machen, wenn wir uns gemeinsam Treffen: methodisch, zielführend und mit ganz viele Spaß!

What happens in Vegas? Eine Woche voller genialer Events

„Das wird harte Arbeit“, soviel war schon mal klar vor der ersten Woche im September 2012. Ein neues Paradigma wollten wir ausprobieren und ein Eventcluster ist dabei rausgekommen und ich möchte festhalten: es ist sehr gelungen! Neben dem Team bei newthinking und den vielen freien MitarbeiterInnen waren in diesem Jahr auch die KollegInnen der a2n aktiv, das Team des Torstraßen Festivals und super viele andere. Aber der Reihe nach:

Am Samstag, den 01. September haben wir wieder die Torstraße beim Torstraßen Festival gerockt! Und wie. Wer nicht da sein konnte sollte sich schwer ärgern denn was da so abging war unbeschreiblich toll. Selten habe ich so viele erfreute und zugleich entspannte Gesicher gesehen bei einem Event das wir gemacht haben (und wir haben schon viele gemacht)! Einen Eindruck findet man hier bei den Kolleginnen von Mit Vergnügen:

Angeblich ist die Vorfreude ja die schönste Freude. Im Falle vom Torstraßen Festival muss man allerdings klar sagen: NÖ. Entschuldigung, aber wie toll war das denn?

Auf unsere spezielle Art haben wir uns dann bedankt:

Für ein überwältigendes Torstraßen Festival 2012 bedanken wir uns…

bei einem fantastischen Publikum
bei 33 faszinierenden Acts
bei 9 sehr besonderen Locations
bei allen Off-Locations
bei Nachbarn und spontanen Mitmachern
bei unseren Stagemanagern und Tonmenschen
bei den Helfern von newthinking
bei unserer PR-Wunderlady Susanne
bei 24/7 Technik-Koordinator Martin
bei allen freiwilligen Helfern
bei allen Partnern und Unterstützern
bei Soundposter-Malte
bei David vom ExBerliner
bei Deidre und Jonas von kaiku studios
bei Matze und Pierre von Mit Vergnügen
bei Ansgar und Claus vom Sankt Oberholz
bei verrückten Kartoffeln und fliegenden Dumplings
und bei den Bewohnern der Torstraße!

Danke!
Andrea, Andreas, Melissa & Norman

Insgesamt konnten wir wohl so 2.000 BesucherInnen zählen und das ist nun wirklich eine konservative Schätzung wenn man alleine das Oberholz in der Torstraßen Festival Rush Hour gesehen hat!!

Das erste Opfer dieser Mammutwoche war dann auch das TeBe Spiel in Staaken welches ich dann am Sonntag sausen ließ. An dieser Stelle mal ein großer Dank an Kevin der mit TeBe On Air dafür gesorgt hat, dass alle die nicht bei einem Spiel dabei sein können trotzdem die zweite Halbzeit im Radion 2.0 mithören können!

Am Montag stand dann nach einer interessanten TeBe Vorstandssitzung und dem einzigsten normalen Bürotag die Medianight auf dem Programm im Kühlhaus. Dort waren wir in Mannschaftsstärke vertreten. Das war sehr nett!

Die heiße Phase der Woche startete im ICC zu Berlin mit dem digital Think Tank im Rahmen des Internationalen Medienkongress. Ein schöner Auftrakt, leider waren in diesem Jahr nicht so viele Besucher da wie im letzten Jahr. Aber immerhin konnten wir den Launch des Summit of newthinking verkünden den wir im November veranstalten werden!

Im ICC finden sich ja immer wieder tolle Fundstücke denn diese Location wirkt immer etwas wie aus der Zeit gefallen! Hier ist der Beweis dafür:

Es war der 04.09.12 …

Richtig früh ginge es dann raus am Mittwoch zum ersten Frismakers Festival in Deutschland. Ein Bericht zu Festival und auch alle Videos kommen in der nächsten Woche auf der newthinking Seite. Spannend ist zu erwähnen, dass die Kooperation mit AJ von Frismakers dadurch entstanden ist, dass ich ihn im letzten Jahr auf der PicNic in Amsterdam bei einem Matchmaking Event kennengelernt habe.

Wir wurden dort gefragt ob wir neue Leute kennenlernen wollten und das wollten wir natürlich! Aus dieser Aktion mit den Bauarbeiterhelmen ist unsere Kooperation gestartet und schon (räusper) eine Jahr später Stand unser erstes gemeinsames Event in Deutschland. Über 20 Präsentationen und tolle Gespräche können wir vermelden! Ein Erfolg!

Lustig ging der Abend dann für mich bei der mexikanischen Botschaft weiter, die dort eine Ausstellung eröffnet hat. Ich konnte dort ein kurzes Gespräch zwischen dem Botschafter Francisco N. González Díaz und Roman Weishäupl vermitteln, der sein Start up twyxt zu großen Teilen in Mexiko entwickelt hat.

Von dort aus ging es zur Stallwache des Wahlkreis wo ungefähr so viel los war wie auf ihrem Twitteraccount. Auch von der Eröffnung der Berlin Music Week im Tempodrom kann ich leider nix gutes Berichten. Es war zwar sehr voll aber die Stimmung war mies und jeder mit dem man gesprochen hat fand das auch so. Einzig der Taxifahrer zurück nach Hause fands gut, denn die Konzerte wurden live im Radio gespielt. Fazit: als Musikalische Eröffnung wohl gut, als Meeting Event schlecht.

Ein super Erfolg war dann auch die a2n_Werkstatt des all2gethernow e. V.. Tolle Stimmung in der noisy Musicworld an der Warschauerstraße. Dort haben wir dann auch unsere newthinking netzwerk lounge durchgeführt. Das war sehr nett. Ein kurzer Abstecher zum Fluxbau brachte dann noch ernüchternd schlechte Musik aber Gespräche mit netten Leuten. Also quasi eine Pattsituation!

Eigentlich hatten wir uns für unsere newthinking Bootstour am Freitag sehr viel besseres Wetter gewünscht, aber die Tour war trotzdem nett und wir werten das mal als Betatest für weitere größere Events dieser Art. Vielen Dank an Marko unseren Kapitän und sein Team rund um Steffen Böttcher von Brandung3 die uns mit ihren Meer Seen Booten ausgerüstet haben. Spitze & vielen Dank für das Regenboot!

Einen Kantersiegkonnte dann noch TeBe gegen Blau Weiss 90 im Berliner Pilsener Pokal einfahren. Mit 7:1 wurde das Match gewonnen und wir sind eine Runde weiter! Auch hier waren dei Gespräche mit Besuchern über zukünftige Projekte von und für TeBe total super und aussichtsreich! Auch der Tagesspiegel hat diesem Ereignis einen Artikel gewidmet unter dem Titel: TeBe – Blau Weiss 7:1 Tischfeuerwerk der Westalgie

Nach diese Wasserschlacht ging es ab zu All You Can Meet ins Prince Charles. Die Woche endete dann auf einer Party in Moabit die mir vom Veranstalter schon im Vorfeld mit dem Satz angekündigt wurde: „What happens in Vegas stays in Vegas“. So möchte ich das dann auch einfach stehen lassen.

 

Reisebericht: Kurzurlaub nach Świnoujście

In der vergangenen Woche war ich einige Tage in Swinemünde auf der insel Usedom. Nach einer etwas unbequemen Zugfahrt von Berlin (4,5 Stunden) mit dem RE3 und der Usedomer Bäder Bahn hatte ich erstmal eine Telko mit einem neuen Start  up Projekt die leider von Montag auf meinen Anreisetag am Dienstag verlegt wurde. Das Geschäft scheint zu klappen und damit war es eine gute Idee an dem Gespräch teilzunehmen. Allerdings war es für die anderen Teilnehmer der Telko sicher lustig und vielleicht auch nervig das Möwengeheule und die Autos zu hören, denn ich lief noch etwas unkoordiniert in der Stadt rum.


Nicht weit von der Bahnstation Świnoujście Centrum an der ich angekommen war lag meine Hotel direkt an der Promenade. Ein Wellnesshotel (so Wellness wie es mit 3* sein kann) mit Massagen und einem Whirlpool. Ganz nett und vom Preis her (60,- / Nacht) ganz OK.


Die Stadt mit ihren über 40.000 Einwohnern ist sehr gut geeignet für einen Kurzurlaub. Die Preise sind moderat und der Strand ist riesig und super ausgebaut. Man kann für ca. 5,- Euro (20 Zloty) gut essen und hat somit keine große Belastung auf dem Geldbeutel.
Sehenswürdigkeiten sind der Strand an dem man in Strandkörben oder einfach so sitzen kann oder einen langen Spaziergang entweder in Richtung der deutschen Grenze oder in Richtung Hafen machen kann.

Auf dem Weg zum Hafen sieht man 2 Forts aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die man besichtigen kann. Sie wurden für den 2. Weltkrieg zum Schutz des Hafens weiter ausgebaut. Gewöhnungsbedürftig sind jedoch die Flakkanonen, auf denen jedes Kind spielen kann.

Kanonenrohr hoch und runter, drehen etc. Da ich mich sehr für diese geschichtlichen Themen interessiere war der Besuch spannend, aber auch erschreckend, denn der glatzköpfige, deutsche Typ mit dem Böse Onkelz T-Shirt hatte dann doch seine eigenen Interpretationen über die Nazi-Ausstellungsstücke im kleinen Museum des Forts. Ein flaues Gefühl mit so einem Typen die Ausstellung zu sehen. In einer Nazifestung in Polen.
Anschließend kann man in den Hafen spazieren in dem nicht wirklich viel spannendes zu sehen ist und gelangt so in die Innenstadt. Kulturelles Highlight waren für mich die beiden Jazzclub in Hafennähe die ich mehrfach besucht habe. Jazzclub Centrala und Jazzclub Scena. Die waren sehr nett.


Was ich nicht gesehen habe waren der Kurpark der sicher einen ausgedehnten Spaziergang verdient hat und auch in die deutsche Richtung bin ich nicht gefahren oder gelaufen. Auch eine Schiffstour nach Stettin habe ich in den knapp 4 Tagen dort nicht gemacht. Ich war auf jeden Fall positiv überrascht von Swinemünde und werde sicher wieder hinfahren.

Das lustigste Ereignis war sicherlich mein Fund am Strand:

Ich wäre fast reingetreten ….

„Nur was zum knabbern“ – Summer in Berlin

Bislang habe ich heute eine chilligen Tag gehabt mit meinem alten Freund und Ex-Mitbewohner Thorsten hier. Nachdem wir gestern die newthinking netzwerk lounge besuchten, bei TeBe leider eine 2:1 Niederlage verfolgten und dann noch auf einer Party bei Tante Käthe waren sollte es heute erstmal ruhiger losgehen.

Den ersten Stop legten wir in einem Cafe auf der Reuterstr. in Neukölln ein welches, wie sich beim bezahlen herausstellt, heute neu eröffnet hat. Thorsten bezahlte nämlich den Kaffee & die Cola (3,40,-) mit 5,- Euro und gab den Rest Trinkgeld. Dies führte zu einem kleinen Freundausbruch im Team dort, denn es war: Das erste Trinkgeld ever! Wenn ich wieder mal da vorbei komme notiere ich mir auch mal den Namen… Der ganz kleine Bruder von Chewbacca war auch da.

Auf dem Weg weiter durch die Stadt haben wir dann Thorstens Traumgefährt gefunden. „Knietief im Dispo“ Schwalbe:

Dann ging es zum Spreeacker direkt vorbei neben dem Kater Holzig und der Schnurrbar [sic!].

Dort stieß dann auch Dagmar zu uns, die (leider auf mein anraten) bei unserem Abendessen im Ming Dynastie ein Fleischgericht 豆豉排骨 (Gedämpfte Schweinerippchen mit schwarzen Bohnen) bestellte. Leider war das Fleisch direkt von der Sehne. Die Erklärung des Kellners war dann auch ganz einfach: „Ja, das ist eher was zum knabbern“.

Nach einem kurzen Zwischenstop im Büro (im Hof war heute ein Kindefest), ging es zum Homebaseproject in Pankow.

EIn interessantes Kunstprojekt zum Thema „Heimat“ welches ab nächstes Jahr in Jerusalem Station machen wird.

Jetzt legen wir erstmal die Füße hoch und hören Soft Rocks.

Reportage: City of Hipsters in der Jungle World

Für die Ausgabe 29/2012 der Jungle World durfte ich eine Reportage über Portland schreiben. Und das kam so: Wie ja einige wissen, versuche ich mich regelmäßig mit der Unterstützung von Tennis Borussia Berlin. In diesem Zusammenhang haben wir bei newthinking schon zwei Barcamps für den Verein organisiert. Um für diese Veranstaltung zu werben, haben wir eine Partnerschaft mit der Jungle World vereinbart und dort wurde eine Anzeige abgedruckt. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit haben dann auch einige MitarbeiterInnen der Jungle World Spiele von TeBe besucht. Wie das dann manchmal so ist, wurde ich von der Geschäftsführung der Jungle dann eher spontan zu einer Blattkritik in die Redaktion eingeladen und ich durfte die aktuelle Ausgabe begutachten, Ratschläge geben und Verbesserungsvorschläge machen. Das hat viel Spaß gemacht, da ich die Zeitung seit ihrer Gründung recht regelmäßig lese und deshalb eine Menge Feedback geben konnte. Das war kurz vor meiner Reise nach Portland / San Francisco und man fragte mich dann, ob ich nicht eine Reportage machen wolle. Das fand ich eine tolle Idee und es hat sich (wie man hier sehen kann) gelohnt. Besonders klasse war die Idee, weil ich so einige Leute direkt angesprochen habe in Portland, die ich ohne den Artikel nie kennengelernt hätte. Es war also eine gute Bereicherung der Reise.
Der nächste Artikel zum Thema GEMA ist schon in Planung und soll in der kommenden Woche erscheinen. Den muss ich allerdings noch schreiben …

City of Hipsters

Grün, kreativ und total 2.0: Portland, im US-Bundestaat Oregon, ist eine der angesagtesten Städte der USA.
Stadt der Trendsetter. Die »Willamette Week« prägt maßgeblich das kulturelle Leben Portlands

Mitten in US-Bundesstaat Oregon, direkt am Fluss Willamette, ist Mark Zusman zu Hause. Er ist Chefredakteur und Eigentümer der Willamette Week (http://wweek.com), einer Wochenzeitung, die eine Mischung aus Kultur, harter Nachrichtenarbeit und investigativem Journalismus liefert. Im Jahr 2005 hat die Zeitung den Pulitzer-Preis für investigative reporting gewonnen. Ausgezeichnet wurde damals eine Story von Nigel Jaquiss, die nach drei Jahrzehnten zur Aufklärung eines Sexualdeliktes beigetragen hatte, in das ein prominenter Politiker involviert war. Seitdem ist die Willamette Week auch landesweit bekannt.

Die Zeitung versucht seit Jahren, lokale Kultur mit regionaler und nationaler politischer Berichterstattung zu verknüpfen, diesen Spagat meistert sie unter anderem durch eine landesweite Vernetzung. Die Willamette Week gehört zur Association of Alternative Newsmedia (altweeklies.com), einer Vereinigung von mehr als 130 Wochenzeitschriften aus den USA und Kanada, darunter Chicago Reader, Metro Silicon Valley und SF Weekly, mit einer Gesamtauflage von 6,5 Millionen Zeitungen pro Woche.

Die Willamette Week, die selbst auf eine wöchentliche Auflage von 90 000 kommt, ist in vielerlei Hinsicht ein typisches Stadtmagazin, welches die Leserinnen und Leser Portland entdecken lässt und zusätzlich jährlich erscheinende Sonderhefte mit den neusten Kultur- und Lifestyle-Trends aus der Stadt herausbringt. Mark Zus­man ist seit mehr als 25 Jahren dabei. Herausgegeben wird die Zeitung von dem Unternehmen City of Roses News­papers, das auch noch einige andere Magazine und Hefte veröffentlicht.

Die Wweek, wie die Zeitung auch genannt wird, prägt maßgeblich das kulturelle Leben der Stadt. Sie initiierte beispielsweise Großveranstaltungen wie das MFNW, das mittlerweile drittgrößte Indoor-Musikfestival der USA, sowie die dazugehörige Konferenz über Technologie, Startup-Kultur und digitale Kreativität »Portland Digital eXpe­rience«, die in diesem Jahr zum ersten Mal stattfindet.

Das vibrierende Kulturleben Portlands, einer Stadt, die in den vergangenen Jahren umfangreiche Veränderungen erlebt hat, findet sich im Magazin wieder. Portland und der Bundesstaat Oregon insgesamt hatten schon immer eine libertäre Tradition. Daran knüpft die alternative Kultur an, die sich zuletzt hier entwickelt hat.

Mittlerweile erfährt Portland auch außerhalb der USA viel Aufmerksamkeit als Kultur- und Kunstmetropole. Das Pariser Centre Pompidou organisierte dieses Jahr ein Festival mit dem Titel »Keep Portland Weird« und stellte die größte Stadt Oregons in eine Reihe mit europäischen Metropolen wie Berlin oder Istanbul. Im Rahmen des Festivals fanden Ende April im Pariser Theater La Gaîté Lyrique Vorträge, Konzerte und eine Ausstellung über Portland statt.

Mark Zusman, der mit einigen Kollegen das Programm kuratiert hat, wurde dort auch als Redner eingeladen. »Mir kam das schon komisch vor, dass sich so viele Menschen in Frankreich für die Vielfalt und Besonderheiten von Portland interessieren können. Der Saal war voll«, erzählt er, der immer noch überrascht wirkt, wenn er von der internationalen Aufmerksamkeit für seine Stadt spricht.

Über die Gründe für dieses Interesse kann auch der Chefredakteur nur mutmaßen. »Sicher hat die Indierock-Szene die Stadt auf die globale Landkarte der Musikbranche gebracht«, sagt er, »einige dieser Bands sind in Europa sogar populärer als in Portland.«

Ob er hier Sleater-Kinney, Team Dresch, Portugal The Man oder Modest Mouse meint, lässt er offen. Bekannte Namen aus Portland und der Umgebung sind sicherlich Gossip und John McEntire (Tortoise, The Sea and Cake). Vor allem Punk- und Postrock, aber auch viele andere musikalische Spielarten sind beim Festival MFNW zu finden, einer sehr wichtigen Plattform für regionale Bands, die so die Möglichkeit haben, vor einem großen Publikum aufzutreten.

Die Vielfalt der Stadt ist nur zum Teil auf die lebendige Musikszene mit ihren vielen Bars und Konzertorten zurückzuführen. Nicht nur in der Musik gilt Portland als Trendsetter, sondern auch in der Esskultur. Die Tendenz zur gesunden Ernährung hat sich hier sogar in den großen, schwer aufgemotzten Supermärkten etabliert, die eine schier unerschöpfliche Bandbreite an gesunden, regionalen, glutenfreien und veganen Produkten anbieten. Zum Glück gibt es noch Burger-Läden, die dann aber Namen wie »Little Big Burger« tragen, klein und überlaufen sind und meistens Bio-Buletten anbieten.

Kaffeehaus für Motorradfans: Das See See Motor Coffee Co.

Sehr stolz sind die Portlander auf die vielen Mikrobrauereien in der Stadt. Allein in der Innenstadt soll es mehr als 30 solcher kleinen Hausbrauereien geben, die ihre eigenen Marken herstellen. Für den härteren Geschmack findet sich an jeder zweiten Ecke eine kleine Schnapsbrennerei.

Technik und Design spielen in Portland ebenfalls eine wichtige Rolle, sowohl für das reale Business als auch für das Image der Stadt. Dass hier die feinsten Fahrradbauer der Welt mit ihren zum Teil sehr teuren und nur in Kleinstauflagen hergestellten Vehikeln (signalcycles.com) nicht fehlen dürfen, hat man sich da schon fast gedacht. »In Portland kauft man sich eher ein Fahrrad für 2 000 Dollar als einen BMW für 30 000«, da ist Mark Zusman sich ganz sicher.

Um diese trendige Atmosphäre in der Stadt geht es auch in der sehr erfolgreichen Fernsehserie »Portlandia«. Durch diese Serie, in der unter anderem die verschiedensten und teilweise grotesken Aspekte der Alternativ- und Hipsterkultur persifliert werden, hat der Hype um Portland einen weiteren Höhepunkt erreicht. Die Serie wird von Carrie Brownstein – ehemals Sängerin und Gitarristin bei der Band Sleater-Kinney – produziert. »An mancher Stelle werden wir etwas mehr gehypt, als wir es verdienen haben«, meint Zusman über »Portlandia«, »aber das ist schon okay.«

Ein Eckpfeiler der neuen Musikszene in Portland ist das Mississippi Studio, eine angesagte Location für Konzerte, die in einem nördlichen Stadtteil rund um die Mississippi Street liegt. Diese Gegend sei ein gutes Beispiel für das »Hipster Entrepreneurship«, wie Zusman es nennt. Dabei handelt es sich um die radikale Aufwertung eines Stadtteils, der noch vor wenigen Jahren als Problembezirk galt. Damit einher gehen die üblichen Konsequenzen der Gentrifizierung: Mietsteigerungen, Verdrängung der ursprünglichen Einwohner und Zuzug der neuen sozialen Schicht des kreativen Prekariats und der klugen Geschäftemacher.

Flower-Power is everywhere. Hippie Hostel auf der Hawthorne Street im Osten der Stadt

Die Gegend um die Mississippi Street, in der sich schicke Cafés, Bars und Restaurants auf engstem Raum befinden, ist derzeit die angesagteste in der Stadt. »Small Businesses« und »Creatives« sind hier zu Hause, also Menschen, die nicht nur Geld verdienen wollen, sondern für die auch eine gewisse Selbstdarstellung von existentieller Bedeutung ist. Man könnte diesen Stadtteil als amerikanische Version von Kreuzkölln oder als Torstraße 2.0 bezeichnen.

Was diesen Stadtteil bestimmt, fasst Zusman so zusammen: »Handarbeit, Kaffee und das Essen allgemein«. Doch nicht nur die hippen Seiten der Stadt fallen einem sofort ins Auge. An die für den europäischen Besucher ungewöhnlich deutlich sichtbare Obdachlosigkeit kann man sich nur schwer gewöhnen. Dass es hier mehr Arme und Obdachlose als in anderen US-Städten gibt, findet Zusman nicht, obwohl die Stadt viele Dienstleistungen und Unterkünfte zur Verfügung stellt: »Vielleicht herrscht hier einfach mehr Toleranz als in anderen Städten.« Portland habe viele Probleme, sagt er: »Der Hype wird sicher nicht weiter anhalten, aber man lebt hier ja nicht, weil es toll ist, in den internationalen Medien zu sein, sondern einfach, weil die Stadt toll ist.«

Nicht erst durch den Zuzug der Drupal Foundation, einer Stiftung der Content-Management-Plattform Drupal, sieht sich Portland auch als eine Stadt des Open Source. Für viele junge talentierte Softwareentwickler ist Portland auch aus einem anderen Grund interessant: Hier findet jährlich die O’Reilly Open Source Convention statt (Oscon, http://oscon.com), zu der seit 2003 jeden Sommer mehr als 3 000 Besuchern kommen. Die Veranstaltung gilt als eine der wichtigsten Konferenzen der Open-Source-Community. Dazu gibt es kleinere Konferenzen, etwa die Open Source Bridge, die die Vermittlung von Open Source in die Gesellschaft zum Ziel hat und sich an der Schnittstelle zwischen den einfachen Internetnutzern und den Entwicklern oder Technikern bewegt.

Dass die Stadt als Hauptstadt der freien Software gilt, kann also nicht nur auf den Umstand zurückgeführt werden, dass Linus Torvalds, der Finder von Linux, hier in der Nähe wohnt – und der Wweek noch kein Interview gegeben hat. Und nicht nur viele Start-ups nutzen hier Open-Source-Technologien, auch in der Stadtverwaltung wird über die Nutzung von freier Software diskutiert, es scheint hier zum Mainstream zu gehören.

Stadt der Fahrradfahrer. Warnschild vor den Straßenbahnschienen in der Innenstadt

Ähnlich wie in Berlin wird auch in Portland über den Zugang zu freiem W-Lan in der Stadt debattiert. Eine zivilgesellschafltliche Bewegung engagiert sich dafür, den freien Zugang zum Internet in der Stadt zu verbreiten. »Freies W-Lan hat in Portland viel mit dem Selbstbild der Stadt und ihrer Bewohner zu tun«, erzählt Mark Zusman. »Es herrscht hier eine Ethik der Commons, die besonders ist.«

Verglichen mit anderen Städten der USA ist Portland in gewissen Aspekten sehr europäisch. Es gibt vergleichsweise wenige Autos, aber ein gut ausgebautes Nahverkehrsnetz mit Straßenbahnen und Bussen, die in der Innenstadt kostenlos genutzt werden können. Fahrräder bestimmen das Stadtbild und auch die Fußgänger haben es hier gut, denn die Straßenblocks in der Innenstadt sind deutlich kürzer, als es in anderen Städten üblich ist. Oregon hat als erster Bundesstaat der USA die Strände für die Allgemeinheit geöffnet und eine umfassende Planung der Bebauung vorgenommen. All dies mag Bewohnern einer nordeuropäischen Metropole selbstverständlich scheinen, nicht jedoch denen der USA, weshalb das Ansehen Portlands im Rest des Landes sehr hoch ist. Über die Hauptstadt Oregons existieren auch reichlich Klischees und Vorurteile, etwa über die typischen Portlander, die angeblich Dreadlocks tragen, tätowiert, gepierct, Skater oder Vegetarier seien. Dass an diesen Klischees allerdings etwas dran sein könnte, deutet Mark Zusman an: »Viele junge Leute aus dem ganzen Land kommen nach Portland, viele haben keinen Job und fühlen sich gleich willkommen«, sagt er. »Dies tut nicht nur den Zugezogenen, sondern auch der Stadt sehr gut.«

Ob dann auch alle gleich einer der größten Leidenschaften der Portlander verfallen, den Portland Timbers, ist allerdings nicht bekannt. Fast überall sieht man in der Stadt Werbeplakate oder Anhänger der Fußballmannschaft, ein weiteres Beispiel dafür, wie europäisch die Stadt ist. Statt Football oder Baseball, wie es in den USA üblich ist, sind in Portland Basketball und Fußball die Sportarten, die die meisten Zuschauer anziehen. Zwar hat der Fußball hier noch kein europäisches Niveau erreicht, populär ist er trotzdem. Zum letzten Spiel gegen Seattle kamen über 20 000 Besucher ins Stadion – die Timbers gewannen in einer dramatischen Partie 2:1.

Portland gilt inzwischen sogar als internationale Design-Metropole. Fashion und User-Interface-Design sind hier die Schlagworte. Ziba, eine der wichtigsten Design-Agenturen weltweit, kommt aus Portland. Und auch an das internationale Netzwerk der Creative Mornings ist man angeschlossen. Dort werden monatlich kreative Ideen präsentiert und ausgetauscht, Veranstaltungen dieses Netzwerks finden weltweit statt, auch in Berlin.

Politisch wird Portland wird durch die starke Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewegung geprägt. »Gäbe es eine starke nationale Grüne Partei, hätte sie ihre Zentrale in Portland«, sagt Zusman. »Barack Obama hat hier starken Rückhalt und wird wohl nicht so oft im Wahlkampf vorbeikommen.« Insgesamt ist Oregon ein von der Demokratischen Partei dominierter Bundesstaat, zwei Senatoren, vier der fünf Kongressabgeordneten und der Gouverneur sind Demokraten, ebenso wie der Bürgermeister Portlands.

Wie sich Portland jenseits des Hipster Entrepreneurship entwickeln wird, weiß Mark Zusman noch nicht so recht, »aber es wird sicher etwas mit Esskultur, Technologie und kleinen Unternehmen zu tun haben«, da ist er sich sicher. Die Stadt sei zwar kein Paradies, »Kriminalität, Rassenkonflikte, Armut und eine Infrastruktur, die verbessert werden muss, gibt es auch hier, aber man ist ein wenig weniger angeschissen als in anderen Teilen des Landes.« Mark Zusman überlegt kurz: »Berlin soll ja eine der schönsten Städte der Welt sein«, sagt er, »Stephen Malkmus lebt ja jetzt auch da.«