Vom Patchwork zum Mosaik – Eine subjektive Analyse der urbanen Entwicklungsmöglichkeiten Detroits

So dezentrale und unübersichtlich wie die Strukturen des „Newdetroit“ sind auch die Perspektiven auf die Stadt und ihre Entwicklungspotenziale. Hier steht exemplarisch das Silo-denken des 20. Jahrhunderts mit Fordismus und Automobilität gegen das Patchwork der Crowd- und Communityökonomie des 21. Jahrhunderts.
Die Highways, die riesigen und rissigen Straßen, verknüpfen zwar die neuen Orte der Kreativszene, sie vermögen es aber nicht diese wirklich miteinander zu verbinden. Die Distanz bleibt trotz des ähnlichen Grooves der Projekte eines der größten Probleme. Dies ist in der Stadtstruktur begründet, die außer einem stark eingeschränkten Bussystem und dem „Peoplemover“ keinen Nahverkehr kennt. Matthias Heumeier beschreibt diese in seiner Arbeit „Urbane Transformation: Formen der Raumartikulation in Detroit“ als Wirklichkeitsmanipulator Auto:

„Die Stadt ist in einer kognitiven Schleife gefangen, in der sie aus der motorisierten Wahrnehmungseinstellung des Autofahrers zu einem Nicht-Ort (vgl. Augè 1994), einem Ort des Transits und der Durchreise verkommt. Konsummöglichkeiten gibt es häufig nur entlang der Straße, wer sich willkürlich von den Verkehrsachsen entfernt, begibt sich auf unsicheres Terrain. Die Fahrgeschwindigkeit erzeugt eine Art Schutzschild (Feldnotizbuch: 61), Orte an denen die Geschwindigkeit reduziert wird, an denen Pendler ihre Transportkapseln verlassen und einen Fuß in die Stadt setzen (Tankstellen, Ampeln, usw.), werden zu Orten von Skepsis und Angst.
Wer nicht auf der Suche nach etwas Bestimmten ist oder den Kick als Identifikationsangebot benötigt („I’m so bad, I party in Detroit“, vgl. Herron 2004), hat wenig Gründe sich in der Stadt aufzuhalten. Highways, deren Erbauung überdies vibrierende Wohnviertel zum Opfer fielen, steigern diese Eigenschaft, indem sie die Reisezeit weiter verkürzen und die Wahrnehmung von Zeit und Raum verzerren. Sie rücken die Peripherie noch dichter an das Zentrum und sind, obwohl sie die Stadt unmittelbar durchdringen, am wenigsten Teil von ihr. Bei 70 mph schirmen die Fahrzeuge ihre Insassen mit maximaler Isolationskraft von der Außenwelt ab.
Die fehlende Bewegung abseits der Hauptstraßen und Highways degradiert weite Teile der Stadt zu einem Transitraum, aus der Wahrnehmung Detroits aus dem heraus Auto entsteht der Eindruck einer entleerten Stadt.
Das Auto ist in dieser Hinsicht auf doppelte Weise an der Transformation von Stadt beteiligt: Einmal auf der performativen Ebene, insofern als dass es Verkehr und Bewegung auf bestimmte Teile der Stadt konzentriert, andererseits aber auch als Wahrnehmungsmanipulator, dessen Benutzung zu einem kognitiv verzerrten Stadtbild führt.“

Downtown Detroit mit seinen Wolkenkratzern bildet nur ca. 4% der Gesamtfläche der Stadt. Detroit erscheint also als nicht begehbare Stadt. Wer nicht mit dem Auto fahren kann, ist auf das löchrige und immer weiter gekürzte Bussystem angewiesen. Und die Hipster fahren mit dem Rad. Der Peoplemover ist ein schlechter ÖPNV-Witz, denn er fährt zwar, zum einen aber im Kreis und dies nur wenige Meilen und zum anderen, weil er gerade an der einzigen Stelle – in Downtown, an der Laufen und miteinander in Kontakt kommen möglich ist – die Menschen hiervon abhält. Eine wirkliche und nachhaltige Verbesserung der Nahverkehrsstrukturen wird es nur geben, wenn die lange geplanten Straßenbahnlinien endlich gebaut werden und darüber hinaus noch viele Bahnlinien mehr.
Die Probleme werden jedeR DetroitbesucherIn spätestens am Flughafen bewusst. Es gibt keine Zugverbindung zur Innenstadt. Mit dem Bus dauert es mit Umsteigen mehr als 2 Stunden in die Innenstadt (22 Meilen!). So muss man mit dem Taxi oder Shuttle fahren. Günstigste Variante $50,-.
Hintergrund meiner Reise nach Detroit war die Einladung von Dimitri Hegemann an einer Veranstaltung im MOCAD teilzunehmen. Der Hintergrund der Story beginnt mit dieser einfachen Gleichung: Berlin hatte in den Anfang 90iger Jahren viel Kaputtes und Freiraum. Gleiches gilt heute (und schon so lange) für Detroit. In diesen Tagen des ausgehenden 20. Jahrhunderts war es dann eine bestimmte Sorte Musik, die in Berlin für sehr viel Aufmerksamkeit und noch mehr Partyspaß gesorgt hat: Techno. Speziell auch aus Detroit. Heute nun, mehr als 20 Jahre später, hat sich die Kultur- und Kreativwirtschaft in Berlin prächtig entwickelt. Und Detroit? Dort sind die Strukturen für Kreativität zwar besser geworden. Aber irgendwie macht sich bei einem Besuch doch das Gefühl von Stillstand breit, der überwunden werden kann. Hier setzte nun die Delegationsreise an, an der neben mir noch ca. 10 weitere Personen teilgenommen haben. „Detroit-Berlin Connection – Conference for Subcultural Exchange and Urban Development“ war der etwas großspurige Titel für einen halbtägige Veranstaltung mit Kurzpräsentationen und einer sehr spannenden Podiumsdiskussion. Eine gute Zusammenfassung dieser Veranstaltung hat Walter Wasacz, einer unserer Ansprechpartner vor Ort verfasst.

Wir BerlinerInnen waren uns alle einige, dass es eine gefühlte Achse Berlin Detroit gibt, die aus dieser langen musikalischen Verbundenheit herrührt. Das führte zu einigen ergreifenden Momenten bei der Paneldiskussion, in der man diese Verbundenheit fast körperlich spüren konnte. Allen war klar: wir wollen etwas zurückgeben für die tollen Entwicklungsmöglichkeiten, die Berlin durch die Musik aus Detroit bekommen hat. In den nächsten Monaten wollen wir und auch ich daran arbeiten, wie dies funktionieren kann. Ein Interview, das ich der Berliner Zeitung gegeben habe, weist schon in eine Richtung: Darin fordere ich u.a. eine Diskussion über eine Städtepartnerschaft Detroit Berlin.
Wie jede Delegationsreise tauchen auch bei dieser Fragen auf. Einige Fragen sich: „Wer hat das bezahlt?“ (wir selber!) andere: „Was sind die Resultate?“. Letzteres ist schon nicht mehr so eindeutig zu beantworten, denn in nur einer Woche und mit dem eher exklusiven Zugang zu Personen und Orten ist eine objektive Übersicht erst einmal schwierig. Natürlich die Besuche an der Packard Fabrik („Architekt war wiederum Albert Kahn. Dieses Gebäude Nr. 10 gilt als weltweit erste Fabrik in Eisenbeton-Bauweise. Kahn revolutionierte damit die Konstruktion von Fabriken und Produktionsbetrieben.[30]“), die seit den 60er Jahren stillgelegt ist; beim Heidelberg Project oder im hippen neuen Restaurant Craft Work waren beeindruckend. Ob im Tech Shop, im viel zitierten Ponyride, der Detroitrevitalisierungslegende Phil Cooley, beim Movement Festival, bei der Tech Week, der Feier, die ich zu meinem Geburtstag aufgesucht habe, bei der Carl Craig (Carl Craig returns to Motor City Wine for an intimate performance) @Motorcitywine aufgelegt hat oder beim Brunch mit Jeff Mills, Mike Banks und vielen anderen – Eindrücke und spezielle Perspektiven allenthalben. Natürlich umrahmt von der allgegenwärtigen zerstörten Struktur der Stadt, wie man sie aus unzähligen Dokumentationen kennt oder aus dem Jim Jarmusch Film: „Only Lovers Left Alive“.

Was bleibt? Erstmal die große Herzlichkeit, mit der wir aufgenommen worden sind. Das verstörende Gefühl nicht zu wissen wo man anfangen soll die verschiedenen Perspektiven auf diese Stadt aufzuzählen. Der Umfang einer zeitgemäßen Erzählung über das heutige Detroit geht auf jeden Fall weit über die umfangreichen, aber oft oberflächlichen, Betrachtungen in den Medien hinaus. Es schient, als gäbe es dutzende Zugänge zu dieser Stadt. Für einen Einstieg kann man sicher den Artikel von Tina Kaiser nutzen „Nach der Pleite erobern Hipster Detroit für sich“ oder Bilder von Josef Cramer doch bleiben diese an der Oberfläche.

Was fehlt ist die integrierte Story, die positive Erzählung des amerikanischen „Comeback Kid“ Detroit, die im besten Sinne alle Perspektiven beinhaltet. Die allgegenwärtigen Segregation, die mich zu der Vermutung geführt hat, dass die schwarze Bürgerrechtsbewegung der 60er und 70er Jahre an Detroit vorbeigegangen sein muss, die Leere und Größe des Raums und damit alle Mobilitäts- und städtebaulichen Aspekte. Aber auch die Rolle von Staat und Kirche in der Stadt: „28 Jahre Haft für den Ex-Bürgermeister von Detroit“ müssen berücksichtigt werden. Die hohe Kriminalitätsrate, die seit den 60er Jahren einsam die US-Mordrangliste anführt, aber innere Ursachen zu haben scheint in dem fordistischen-amerikanischen Traum. Oder gibt es vielleicht diesen Zusammenhang: Wenn sich alle in ihrem Auto verbarrikadieren, dann sinkt die Hemmschwelle für gewaltsame Reaktion auf Nichtigkeiten rapide?
Die Kultur der Improvisation in der Stadt, der aktuelle Boom der Start-Up-Kultur oder die vielen Grassroot-Projekte, die über die Stadt verteilt sind, prägen weitere Perspektiven. Und natürlich die Musik, ob Jazz, Motown oder Detroit Techno – sie kommen viel zu wenige vor in der Narration Detroit.
Erst wenn die Patches des Flickenteppichs in der Stadt zu einem zusammenhängenden Mosaik werden und mehr Menschen von Außen die Stadt erleben und lieben lernen, können substanzielle Fortschritte erzielt werden. Es ist ein langer Weg auf den wir uns gemacht haben, aber um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, braucht man einen langen Atem. Happy Locals fallen nicht vom Himmel, aber ein Direktflug von Berlin nach Detroit wäre schon mal ein Anfang: Herr Mehdorn übernehmen sie (sic!).

Mitgedacht bei: „Die Sache mit Silicon Valley und Europa“

Werde mal dem Aufruf von Nico Lumma folgen und einige Punkte ergänzen:

Man kann es für einen tollen Schachzug der SXSW halten, zum ersten Mal genau auf den Termin der CeBIT zu gehen, bzw es für eine besonders unvorsichtige Aktion der CeBIT halten diesen Termin zu nutzen (dabei ist es unerheblich wer zuerst geplant / verkündet hat) – fest steht, so schlecht stand der Hannoverevent noch nie da (was Nico sagt). Wahrscheinlich ist die Terminwahl eh nur Zufall. Mir erscheint der Vergleich der beiden nicht Millionenmetropolen (Hannover +- 500k, Austin +-800k) und ihrer Leitevents nur in geringem Maße aussagekräftig, denn in Austin ging es immer um Kulturindustrie (Film, Musik, Interactiv) und in Hannover ging es immer um Mittelstand und Industrie IT.

Beide “Welten”, die deutsche Start-Up-Kultur und das Silicon Valley, miteinander zu vergleichen ist mittlerweile eine der langweiligsten Dinge über die man sprechen kann. Nicos Ansatz, auf die EU zu schauen und hier nach Ressourcen zu suchen, um Internet-Hightechunternehmen zu entwickeln halte ich für aussichtsreicher. Dabei fehlt mir aber ein wirklich entscheidender Ansatz: es geht eigentlich immer nur um die schnell skalierenden Businessmodelle und nicht um die gesamte Infrastruktur drumherum. Es geht nicht um die Anhäufung von genug schöpferischen Potenzial oder die Anziehungskraft von Metropolen (wenn man hier Austin und Hannover vergleicht…). Berlin hat in Deutschland vielleicht einen riesigen Anteil an VC-Invests. Gegenüber Investitionen im Valley kann das nur ein marginaler Bruchteil sein (Wer das mal ausrechnen oder verlinken mag…). Der Punkt ist doch ein anderer:

Elisabeth Oberndorfer, deutschsprachige Techjournalistin im Valley fasst das gut zusammen in ihrem Artikel ‘Was ich in einem Jahr in San Francisco gelernt habe’: Europäer blicken in Schockstarre in den Westen und warten darauf, dass Silicon Valley ein Geschäftsmodell entdeckt, das Erfolg garantiert (“Looking at you, Medienbranche”). Das gibt es jedoch in keiner Industrie. Monetarisierung spielt in Tech-Unternehmen erst in einer späteren Phase eine Rolle. Und ist es soweit, funktionieren unterschiedliche Modelle für unterschiedliche Unternehmen. Kombinieren, variieren, experimentieren und bei Misserfolg noch einmal von vorne anfangen, ist wohl die einzige Methode, die man hier als Erfolgsmodell bezeichnen kann.“

Das ist für mich der zentrale Punkt (Frag mal Soundcloud, fast ein Wunder, dass es sie noch gibt), es geht in Deutschland sofort um die Verwertbarkeit im Rahmen der Start-Up-Finanzierung und nicht um die Idee und ihre Potenziale. Deshalb hängen in Deutschland auch immer die gleichen Leute auf den relevanten Events und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Große Unternehmen geben Brosamen für eine Menge Anteile an einer Idee die ihnen auf dem Silbertablett in regelmäßigen Abständen gepitcht wird.

Wenn wir unsere Internetwirtschaft also wirklich auf globales Niveau bringen wollen, bringt es nix, einem Zug der schon ewig abgefahren ist nachzulaufen. Wir brauchen ein Sofortprogramm mit öffentlichen und privaten Mitteln finanziert, aus dem Risikobereitschaft und Innovation finanziert werden kann. Die EU macht da ja erste Schritte in der Vereinfachung der Förderung. Viel wichtiger ist aber, dass unsere GründerInnen nicht nur dem Start-Up-Paradigma folgen und an jeder Ecke der coole VC finanzierten Unternehmern gehuldigt wird. Hier werden Rollenmodelle entwickelt, die eine verlorene Generation nachsichziehen können (und nebenbei einen Braindrain bei anderen lokalen Firmen auslösen).

Europa, Deutschland, Berlin oder Hamburg – alle setzen auf ein Paradigma und händigen ihre Ideen über kurz oder lang internationalen Investorengruppen aus (Frag mal bei der Noah nach, wo die dreistelligen Millionenbeträge der VC-Fonds herkommen).

Solange öffentliche Mittel in der Forschungsbürokratie, bei Standortinitiativen oder in selbstgestrickten VC-Instrumenten untergehen werden wir keinen GründerInnenfrühling bekommen sondern weiter im Dunklen sitzen. Aber wie schon Rio Reiser sang: “Wenn die Nacht am tiefsten …

Und ja, es braucht noch viele weitere Ergänzungen …

Freiheit? – Wie können wir frei sein, wenn ihr uns ständig überwacht?

Mit Spannung habe ich die Abschiedsrede von Botschafter Philip D. Murphy in einem Live-Stream aus der American Academy verfolgt. Leider bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sagen: Chance verpasst! Ich habe Murphys‘ Amtszeit intensiv verfolgt, war sogar vor Jahren bei ihm in seine Privatvilla zu einem Dinner eingeladen und hatte diverse Kontakt in die US-Botschaft in den letzten Jahren. Deshalb hatte ich gedacht, dass er etwas mehr zu sagen hätte zum aktuellen, man könnte sagen Game Changing, Skandal der für die USA wohlmöglich noch richtig teuer werden kann. Er reduzierte seine Aussagen zu diesem Thema auf drei Punkte die wichtig seien für Beziehungen zwischen den beiden Ländern:

  1. Vertrauen
  2. Nicht das Freihandelsabkommen stoppen
  3. Eine Aufzählung was die BRD an der Seite der USA in den letzten Jahren gemacht hat

Man. Hier und heute, und insbesondere zum Ende der Amtszeit, wäre ein Entschuldigung gut gewesen. Auch in diplomatischem Kleid. Stattdessen präsentierte er eine Tränenrede die durch die deutsch/amerikanische Geschichte verlief und sogar Frau Merkel als Freiheitskämpferin erscheinen lies. Er war sich sogar nicht zu schade zu betonen, dass es keinen besseren Alliierten für die USA geben könne als Deutschland (warum ließ er etwas offen, möglicherweise weil sonst keiner so devot unterwegs ist).

Lieber Mr. Murphy, ich bin enttäuscht. Ich hatte ihnen mehr Größe zugetraut. Mit dieser Rede haben sie fast alles zerstört was sie in den letzten Jahren aufgebaut haben. Da hilft auch der Verweis auf ihre Faszination für den Fussball nix mehr. In einem Wort: Schande!

Peinlich: Life After Lederhosen

Seit einigen Monaten habe ich die Printausgabe des New Yorker Stadtmagazins Time Out abonniert. Was ich da heute sah, ließ mich peinlich berührt zurück:

Die „German Missions in the United States“ ist sich nicht zu doof mit dem Slogan ‚Life After Lederhosen‘ zu werben. Am Big Apple wird man sich auch fragen: was wollen diese Hinterwäldler… einfach nur peinlich.

Reportage: City of Hipsters in der Jungle World

Für die Ausgabe 29/2012 der Jungle World durfte ich eine Reportage über Portland schreiben. Und das kam so: Wie ja einige wissen, versuche ich mich regelmäßig mit der Unterstützung von Tennis Borussia Berlin. In diesem Zusammenhang haben wir bei newthinking schon zwei Barcamps für den Verein organisiert. Um für diese Veranstaltung zu werben, haben wir eine Partnerschaft mit der Jungle World vereinbart und dort wurde eine Anzeige abgedruckt. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit haben dann auch einige MitarbeiterInnen der Jungle World Spiele von TeBe besucht. Wie das dann manchmal so ist, wurde ich von der Geschäftsführung der Jungle dann eher spontan zu einer Blattkritik in die Redaktion eingeladen und ich durfte die aktuelle Ausgabe begutachten, Ratschläge geben und Verbesserungsvorschläge machen. Das hat viel Spaß gemacht, da ich die Zeitung seit ihrer Gründung recht regelmäßig lese und deshalb eine Menge Feedback geben konnte. Das war kurz vor meiner Reise nach Portland / San Francisco und man fragte mich dann, ob ich nicht eine Reportage machen wolle. Das fand ich eine tolle Idee und es hat sich (wie man hier sehen kann) gelohnt. Besonders klasse war die Idee, weil ich so einige Leute direkt angesprochen habe in Portland, die ich ohne den Artikel nie kennengelernt hätte. Es war also eine gute Bereicherung der Reise.
Der nächste Artikel zum Thema GEMA ist schon in Planung und soll in der kommenden Woche erscheinen. Den muss ich allerdings noch schreiben …

City of Hipsters

Grün, kreativ und total 2.0: Portland, im US-Bundestaat Oregon, ist eine der angesagtesten Städte der USA.
Stadt der Trendsetter. Die »Willamette Week« prägt maßgeblich das kulturelle Leben Portlands

Mitten in US-Bundesstaat Oregon, direkt am Fluss Willamette, ist Mark Zusman zu Hause. Er ist Chefredakteur und Eigentümer der Willamette Week (http://wweek.com), einer Wochenzeitung, die eine Mischung aus Kultur, harter Nachrichtenarbeit und investigativem Journalismus liefert. Im Jahr 2005 hat die Zeitung den Pulitzer-Preis für investigative reporting gewonnen. Ausgezeichnet wurde damals eine Story von Nigel Jaquiss, die nach drei Jahrzehnten zur Aufklärung eines Sexualdeliktes beigetragen hatte, in das ein prominenter Politiker involviert war. Seitdem ist die Willamette Week auch landesweit bekannt.

Die Zeitung versucht seit Jahren, lokale Kultur mit regionaler und nationaler politischer Berichterstattung zu verknüpfen, diesen Spagat meistert sie unter anderem durch eine landesweite Vernetzung. Die Willamette Week gehört zur Association of Alternative Newsmedia (altweeklies.com), einer Vereinigung von mehr als 130 Wochenzeitschriften aus den USA und Kanada, darunter Chicago Reader, Metro Silicon Valley und SF Weekly, mit einer Gesamtauflage von 6,5 Millionen Zeitungen pro Woche.

Die Willamette Week, die selbst auf eine wöchentliche Auflage von 90 000 kommt, ist in vielerlei Hinsicht ein typisches Stadtmagazin, welches die Leserinnen und Leser Portland entdecken lässt und zusätzlich jährlich erscheinende Sonderhefte mit den neusten Kultur- und Lifestyle-Trends aus der Stadt herausbringt. Mark Zus­man ist seit mehr als 25 Jahren dabei. Herausgegeben wird die Zeitung von dem Unternehmen City of Roses News­papers, das auch noch einige andere Magazine und Hefte veröffentlicht.

Die Wweek, wie die Zeitung auch genannt wird, prägt maßgeblich das kulturelle Leben der Stadt. Sie initiierte beispielsweise Großveranstaltungen wie das MFNW, das mittlerweile drittgrößte Indoor-Musikfestival der USA, sowie die dazugehörige Konferenz über Technologie, Startup-Kultur und digitale Kreativität »Portland Digital eXpe­rience«, die in diesem Jahr zum ersten Mal stattfindet.

Das vibrierende Kulturleben Portlands, einer Stadt, die in den vergangenen Jahren umfangreiche Veränderungen erlebt hat, findet sich im Magazin wieder. Portland und der Bundesstaat Oregon insgesamt hatten schon immer eine libertäre Tradition. Daran knüpft die alternative Kultur an, die sich zuletzt hier entwickelt hat.

Mittlerweile erfährt Portland auch außerhalb der USA viel Aufmerksamkeit als Kultur- und Kunstmetropole. Das Pariser Centre Pompidou organisierte dieses Jahr ein Festival mit dem Titel »Keep Portland Weird« und stellte die größte Stadt Oregons in eine Reihe mit europäischen Metropolen wie Berlin oder Istanbul. Im Rahmen des Festivals fanden Ende April im Pariser Theater La Gaîté Lyrique Vorträge, Konzerte und eine Ausstellung über Portland statt.

Mark Zusman, der mit einigen Kollegen das Programm kuratiert hat, wurde dort auch als Redner eingeladen. »Mir kam das schon komisch vor, dass sich so viele Menschen in Frankreich für die Vielfalt und Besonderheiten von Portland interessieren können. Der Saal war voll«, erzählt er, der immer noch überrascht wirkt, wenn er von der internationalen Aufmerksamkeit für seine Stadt spricht.

Über die Gründe für dieses Interesse kann auch der Chefredakteur nur mutmaßen. »Sicher hat die Indierock-Szene die Stadt auf die globale Landkarte der Musikbranche gebracht«, sagt er, »einige dieser Bands sind in Europa sogar populärer als in Portland.«

Ob er hier Sleater-Kinney, Team Dresch, Portugal The Man oder Modest Mouse meint, lässt er offen. Bekannte Namen aus Portland und der Umgebung sind sicherlich Gossip und John McEntire (Tortoise, The Sea and Cake). Vor allem Punk- und Postrock, aber auch viele andere musikalische Spielarten sind beim Festival MFNW zu finden, einer sehr wichtigen Plattform für regionale Bands, die so die Möglichkeit haben, vor einem großen Publikum aufzutreten.

Die Vielfalt der Stadt ist nur zum Teil auf die lebendige Musikszene mit ihren vielen Bars und Konzertorten zurückzuführen. Nicht nur in der Musik gilt Portland als Trendsetter, sondern auch in der Esskultur. Die Tendenz zur gesunden Ernährung hat sich hier sogar in den großen, schwer aufgemotzten Supermärkten etabliert, die eine schier unerschöpfliche Bandbreite an gesunden, regionalen, glutenfreien und veganen Produkten anbieten. Zum Glück gibt es noch Burger-Läden, die dann aber Namen wie »Little Big Burger« tragen, klein und überlaufen sind und meistens Bio-Buletten anbieten.

Kaffeehaus für Motorradfans: Das See See Motor Coffee Co.

Sehr stolz sind die Portlander auf die vielen Mikrobrauereien in der Stadt. Allein in der Innenstadt soll es mehr als 30 solcher kleinen Hausbrauereien geben, die ihre eigenen Marken herstellen. Für den härteren Geschmack findet sich an jeder zweiten Ecke eine kleine Schnapsbrennerei.

Technik und Design spielen in Portland ebenfalls eine wichtige Rolle, sowohl für das reale Business als auch für das Image der Stadt. Dass hier die feinsten Fahrradbauer der Welt mit ihren zum Teil sehr teuren und nur in Kleinstauflagen hergestellten Vehikeln (signalcycles.com) nicht fehlen dürfen, hat man sich da schon fast gedacht. »In Portland kauft man sich eher ein Fahrrad für 2 000 Dollar als einen BMW für 30 000«, da ist Mark Zusman sich ganz sicher.

Um diese trendige Atmosphäre in der Stadt geht es auch in der sehr erfolgreichen Fernsehserie »Portlandia«. Durch diese Serie, in der unter anderem die verschiedensten und teilweise grotesken Aspekte der Alternativ- und Hipsterkultur persifliert werden, hat der Hype um Portland einen weiteren Höhepunkt erreicht. Die Serie wird von Carrie Brownstein – ehemals Sängerin und Gitarristin bei der Band Sleater-Kinney – produziert. »An mancher Stelle werden wir etwas mehr gehypt, als wir es verdienen haben«, meint Zusman über »Portlandia«, »aber das ist schon okay.«

Ein Eckpfeiler der neuen Musikszene in Portland ist das Mississippi Studio, eine angesagte Location für Konzerte, die in einem nördlichen Stadtteil rund um die Mississippi Street liegt. Diese Gegend sei ein gutes Beispiel für das »Hipster Entrepreneurship«, wie Zusman es nennt. Dabei handelt es sich um die radikale Aufwertung eines Stadtteils, der noch vor wenigen Jahren als Problembezirk galt. Damit einher gehen die üblichen Konsequenzen der Gentrifizierung: Mietsteigerungen, Verdrängung der ursprünglichen Einwohner und Zuzug der neuen sozialen Schicht des kreativen Prekariats und der klugen Geschäftemacher.

Flower-Power is everywhere. Hippie Hostel auf der Hawthorne Street im Osten der Stadt

Die Gegend um die Mississippi Street, in der sich schicke Cafés, Bars und Restaurants auf engstem Raum befinden, ist derzeit die angesagteste in der Stadt. »Small Businesses« und »Creatives« sind hier zu Hause, also Menschen, die nicht nur Geld verdienen wollen, sondern für die auch eine gewisse Selbstdarstellung von existentieller Bedeutung ist. Man könnte diesen Stadtteil als amerikanische Version von Kreuzkölln oder als Torstraße 2.0 bezeichnen.

Was diesen Stadtteil bestimmt, fasst Zusman so zusammen: »Handarbeit, Kaffee und das Essen allgemein«. Doch nicht nur die hippen Seiten der Stadt fallen einem sofort ins Auge. An die für den europäischen Besucher ungewöhnlich deutlich sichtbare Obdachlosigkeit kann man sich nur schwer gewöhnen. Dass es hier mehr Arme und Obdachlose als in anderen US-Städten gibt, findet Zusman nicht, obwohl die Stadt viele Dienstleistungen und Unterkünfte zur Verfügung stellt: »Vielleicht herrscht hier einfach mehr Toleranz als in anderen Städten.« Portland habe viele Probleme, sagt er: »Der Hype wird sicher nicht weiter anhalten, aber man lebt hier ja nicht, weil es toll ist, in den internationalen Medien zu sein, sondern einfach, weil die Stadt toll ist.«

Nicht erst durch den Zuzug der Drupal Foundation, einer Stiftung der Content-Management-Plattform Drupal, sieht sich Portland auch als eine Stadt des Open Source. Für viele junge talentierte Softwareentwickler ist Portland auch aus einem anderen Grund interessant: Hier findet jährlich die O’Reilly Open Source Convention statt (Oscon, http://oscon.com), zu der seit 2003 jeden Sommer mehr als 3 000 Besuchern kommen. Die Veranstaltung gilt als eine der wichtigsten Konferenzen der Open-Source-Community. Dazu gibt es kleinere Konferenzen, etwa die Open Source Bridge, die die Vermittlung von Open Source in die Gesellschaft zum Ziel hat und sich an der Schnittstelle zwischen den einfachen Internetnutzern und den Entwicklern oder Technikern bewegt.

Dass die Stadt als Hauptstadt der freien Software gilt, kann also nicht nur auf den Umstand zurückgeführt werden, dass Linus Torvalds, der Finder von Linux, hier in der Nähe wohnt – und der Wweek noch kein Interview gegeben hat. Und nicht nur viele Start-ups nutzen hier Open-Source-Technologien, auch in der Stadtverwaltung wird über die Nutzung von freier Software diskutiert, es scheint hier zum Mainstream zu gehören.

Stadt der Fahrradfahrer. Warnschild vor den Straßenbahnschienen in der Innenstadt

Ähnlich wie in Berlin wird auch in Portland über den Zugang zu freiem W-Lan in der Stadt debattiert. Eine zivilgesellschafltliche Bewegung engagiert sich dafür, den freien Zugang zum Internet in der Stadt zu verbreiten. »Freies W-Lan hat in Portland viel mit dem Selbstbild der Stadt und ihrer Bewohner zu tun«, erzählt Mark Zusman. »Es herrscht hier eine Ethik der Commons, die besonders ist.«

Verglichen mit anderen Städten der USA ist Portland in gewissen Aspekten sehr europäisch. Es gibt vergleichsweise wenige Autos, aber ein gut ausgebautes Nahverkehrsnetz mit Straßenbahnen und Bussen, die in der Innenstadt kostenlos genutzt werden können. Fahrräder bestimmen das Stadtbild und auch die Fußgänger haben es hier gut, denn die Straßenblocks in der Innenstadt sind deutlich kürzer, als es in anderen Städten üblich ist. Oregon hat als erster Bundesstaat der USA die Strände für die Allgemeinheit geöffnet und eine umfassende Planung der Bebauung vorgenommen. All dies mag Bewohnern einer nordeuropäischen Metropole selbstverständlich scheinen, nicht jedoch denen der USA, weshalb das Ansehen Portlands im Rest des Landes sehr hoch ist. Über die Hauptstadt Oregons existieren auch reichlich Klischees und Vorurteile, etwa über die typischen Portlander, die angeblich Dreadlocks tragen, tätowiert, gepierct, Skater oder Vegetarier seien. Dass an diesen Klischees allerdings etwas dran sein könnte, deutet Mark Zusman an: »Viele junge Leute aus dem ganzen Land kommen nach Portland, viele haben keinen Job und fühlen sich gleich willkommen«, sagt er. »Dies tut nicht nur den Zugezogenen, sondern auch der Stadt sehr gut.«

Ob dann auch alle gleich einer der größten Leidenschaften der Portlander verfallen, den Portland Timbers, ist allerdings nicht bekannt. Fast überall sieht man in der Stadt Werbeplakate oder Anhänger der Fußballmannschaft, ein weiteres Beispiel dafür, wie europäisch die Stadt ist. Statt Football oder Baseball, wie es in den USA üblich ist, sind in Portland Basketball und Fußball die Sportarten, die die meisten Zuschauer anziehen. Zwar hat der Fußball hier noch kein europäisches Niveau erreicht, populär ist er trotzdem. Zum letzten Spiel gegen Seattle kamen über 20 000 Besucher ins Stadion – die Timbers gewannen in einer dramatischen Partie 2:1.

Portland gilt inzwischen sogar als internationale Design-Metropole. Fashion und User-Interface-Design sind hier die Schlagworte. Ziba, eine der wichtigsten Design-Agenturen weltweit, kommt aus Portland. Und auch an das internationale Netzwerk der Creative Mornings ist man angeschlossen. Dort werden monatlich kreative Ideen präsentiert und ausgetauscht, Veranstaltungen dieses Netzwerks finden weltweit statt, auch in Berlin.

Politisch wird Portland wird durch die starke Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewegung geprägt. »Gäbe es eine starke nationale Grüne Partei, hätte sie ihre Zentrale in Portland«, sagt Zusman. »Barack Obama hat hier starken Rückhalt und wird wohl nicht so oft im Wahlkampf vorbeikommen.« Insgesamt ist Oregon ein von der Demokratischen Partei dominierter Bundesstaat, zwei Senatoren, vier der fünf Kongressabgeordneten und der Gouverneur sind Demokraten, ebenso wie der Bürgermeister Portlands.

Wie sich Portland jenseits des Hipster Entrepreneurship entwickeln wird, weiß Mark Zusman noch nicht so recht, »aber es wird sicher etwas mit Esskultur, Technologie und kleinen Unternehmen zu tun haben«, da ist er sich sicher. Die Stadt sei zwar kein Paradies, »Kriminalität, Rassenkonflikte, Armut und eine Infrastruktur, die verbessert werden muss, gibt es auch hier, aber man ist ein wenig weniger angeschissen als in anderen Teilen des Landes.« Mark Zusman überlegt kurz: »Berlin soll ja eine der schönsten Städte der Welt sein«, sagt er, »Stephen Malkmus lebt ja jetzt auch da.«